Ein Name, zwei Welten

Boateng vs. Boateng

Ein Name, zwei Welten

29.08.2014 | 12:09 | Annette

Kevin-Prince und Jérôme Boateng teilen den selben Vater und die Leidenschaft für den Fußball. Darüber hinaus hätte der Weg der beiden Brüder in die Bundesliga aber nicht unterschiedlicher sein können. Die Spielerfrau begibt sich auf ihrer Spurensuche ins Berlin der 90er-Jahre.

Kevin-Prince wuchs im Wedding auf. Als er geboren wurde, hatte sein Vater die Familie bereits verlassen – für die Frau, die eineinhalb Jahre später seinen Halbbruder Jérôme auf die Welt bringen sollte. Kevin-Princes Mutter arbeitete in einer Keksfabrik, bevor sie ihre insgesamt fünf Kinder mit Sozialhilfe großzog. Geld war also Mangelware im Hause Boateng, so auch die Perspektiven. Entweder man werde hier Drogendealer, Gangster oder Fußballer, sagte Kevin-Prince einmal überspitzt. Er wollte Letzteres werden. Nach der Schule gab es für ihn nur den Bolzplatz, wenn er im Verein einmal nicht eingesetzt wurde, begann er zu weinen.
Kevin-Prince definiert sich über den Fußball – auch heute noch. Jürgen Klopp gab beim Leihengagement Boatengs in Dortmund zu Protokoll, dass Kevin-Prince auf dem Rasen immer den richtigen Weg kenne, er aber abseits des Spielfeldes diese Qualität vermissen lasse. Dort ist Kevin-Prince oftmals nicht zu belehren. Mit der Disziplin hat er deshalb auch so seine Probleme. Bei der WM in Brasilien wurde er wegen angeblicher Beleidigungen vom ghanaischen Trainer nach Hause geschickt, schon in seiner Jugend bei Hertha BSC Berlin war er unberechenbar. Er inszenierte sich als Junge, der aus dem tiefsten Ghetto stammt – als ob das Wedding mit einer Favela in Rio oder der Bronx in New York vergleichbar wäre. Er inszenierte die Geschichte vom Fußballer, der es aus dem Dreck nach oben geschafft hat. Der nun dicke Autos fährt und fette Goldketten um den Hals trägt. Und der auf Partys über die Stränge schlägt und des Nachts schon einmal eine Reihe Autospiegel abrasiert.

Sein Halbbruder Jérôme wuchs dagegen in Berlin-Wilmersdorf, in kleinbürgerlichem Idyll, auf. Während Kevin-Prince seinen Vater die ersten Jahre fast gar nicht zu Gesicht bekam, weil seine Mutter nach der Scheidung das alleinige Sorgerecht hatte, war eben dieser Vater von Anfang an in Jérômes Leben präsent – selbst nach der Trennung, die stattfand, als der Knirps fünf Jahre alt war. Vater Prince begleitete Jérôme zu Fußballspielen und verteidigte ihn, wenn er mal wieder aufgrund seiner Hautfarbe beschimpft wurde. Jérômes Mutter arbeitete als Stewardess, die Familie fuhr jedes Jahr in den Urlaub. Einen Luxus, den sich Kevin-Prince nicht leisten konnte. Und ein Leben, das sicherlich Neid in dem älteren Bruder auslöste und Minderwertigkeitskomplexe förderte.
Als Kevin-Prince in einem Jahr mit Jérôme und dessen Mutter die Ferien verbringen durfte, fühlte er sich im Robinson Club völlig fehl am Platz. Das war nicht seine Welt. Gleichzeitig hatte Jérôme ständig das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen, seinem Bruder zu zeigen, dass er kein verwöhntes Kind ist, sondern dass auch er sich im Ghetto durchsetzen kann.

Vater Prince brachte seine Söhne aus verschiedenen Ehen auf dem Fußballplatz zusammen. Da gab es neben Kevin-Prince und Jérôme auch noch George, der älteste der drei Brüder. Der von vielen als der talentierste Kicker gesehen wurde. Der in der Jugend auch bei Hertha spielte. Der aber irgendwann vom rechten Weg abkam und in die Kriminalität abrutschte. Kevin-Prince und Jérôme prägten dagegen in Berlin eine goldene Generation, die im Nachwuchsbereich ein Spiel nach dem anderen gewann, aber nicht immer mit dem Ruhm und dem Geld umgehen konnte. Die Wege der Brüder trennten sich – Kevin-Prince zog es nach England, Jérôme nach Hamburg. Bevor sie Berlin den Rücken kehrten, ließen sie sich noch ein gemeinsames Tattoo stechen. Die Umrisse Afrikas und Ghanas. Ihrer beider Wurzeln, auch wenn ihre Kindheit nicht unterschiedlicher hätte sein können.
Auch die Charaktere sind völlig verschieden. Kevin-Prince ist das Großmaul, das gerne und laut spricht. Auf der anderen Seite der leise und schüchtern wirkende Jérôme, der mit seiner Brille eher wie ein Nerd als ein Gangster aussieht. Diese Zurückhaltung führte Jérôme von Manchester City zu Bayern München, machte ihn dort zum Triple-Sieger und in diesem Jahr schließlich zum Weltmeister.
Kevin-Prince stehen seine große Klappe und seine Disziplinlosigkeit häufig im Weg. Als sein DFB-Coach Horst Hrubesch ihm früher einmal Einhalt gebieten wollte, sagte er zu ihm: Ich habe noch einen besseren Spieler in meinen Reihen. Darauf antwortete Kevin-Prince: Das kann nicht sein. Wer sollte besser sein als ich? Hrubesch: Dein Bruder. Das saß. Hrubesch hätte wohl keinen wunderen Punkt treffen können.

2009 wurde Kevin-Prince kurz vor der U21-EM aus dem Kader der deutschen Nationalelf verbannt. Aus der Mannschaft, die mit Bruder Jérôme, Mesut Özil, Manuel Neuer, Mats Hummels und Sami Khedira schließlich den Titel holte. Kevin-Prince war enttäuscht. Erst hatte ihn sein Vater im Stich gelassen, jetzt auch noch das Land, für das er alle Jugendmannschaften durchlaufen hatte. Er entschied sich, von nun an für Ghana zu spielen, die Heimat seines Vaters. Für ein Land, das er noch nie besucht hat, und dessen Sprache er nicht spricht.

Und so kommt es neben den Brüderduellen in der Bundesliga auch zu Brüderduellen im Nationaltrikot. Das war 2010 in Südafrika der Fall, als Kevin-Prince im Gruppenspiel mit Ghana auf Deutschland traf. Und zuvor schon zum Feindbild aller Deutschen wurde, als er Michael Ballack so schwer foulte, dass dieser die WM verpasste. Ein Ereignis, das das ansonsten so gute Verhältnis der beiden Brüder für eine gewisse Zeit belastete, fühlte sich doch Jérôme zwischen der Solidarität zu Deutschland und der Loyalität gegenüber seiner Familie hin- und hergerissen. Das Verhältnis hat sich aber nun, vier Jahre danach, stabilisiert. Auch in Brasilien trafen die Brüder aufeinander. Während des Turniers herrschte Kommunikationsstopp, doch ansonsten telefonieren die beiden häufig miteinander.

Sie haben den gleichen Vater, teilen die gleiche Leidenschaft, und sie träumten den gleichen Traum. Sie kamen aus unterschiedlichen Welten, gingen andere Wege, haben es schlussendlich aber beide geschafft. Sie sind Profis, sie spielen in der Bundesliga, sie leben ihren Traum. Der eine bei Bayern München und der deutschen Nationalelf, der andere bei Schalke 04 und den Black Stars. Und sie haben eines nicht vergessen – nämlich, dass sie Brüder sind.

Foto: picture alliance/augenklick

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