“Fußball ist halt nicht Eiskunstlauf”

Frauen im Fußball

“Fußball ist halt nicht Eiskunstlauf”

25.07.2014 | 10:29 | Natalia

Wie war das noch gleich? Frauen haben keine Ahnung von Fußball? Zur Heilung dieses fatalen Irrglaubens schlagen wir allen Betroffenen einen kleinen Plausch mit Claudia Neumann vor. Spätestens der Klang ihrer Stimme ruft unweigerlich den Eindruck „Die kenne ich doch!“ hervor, denn Neumann bewegt sich seit über 20 Jahren mit schlafwandlerischer Sicherheit auf der Bühne Fußball, und das rund um die Welt. Als Kommentatorin und Sportreporterin ist sie für das ZDF tätig und damit eine der immer noch wenigen Frauen im Business.

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Claudia Neumann mit ihrem Kollegen Eike Schulz beim WM-Finale im Maracana

Ihre Liebe zum Fußball entdeckte sie schon im Kindesalter – sehr zum Leidwesen ihrer Mutter, die sich etwas Mädchenhafteres für ihre Tochter gewünscht hätte. „Das letzte Mal, dass ich ein Kleid anhatte, war bei meiner Kommunion“, erinnert sich Neumann lachend, „und da wurde ich förmlich reingezwungen. Viel lieber habe ich die Fußballklamotten meines Bruders aufgetragen.“ Gekickt hat sie aber nie in Frauenmannschaften („fand ich gruselig“), sondern immer mit den Jungs aus der Nachbarschaft. Spontan fällt ihr eine Anekdote dazu ein: Klein-Claudia schleicht sich heimlich zu einem D-Jugend-Spiel, schießt beide Tore zum 2:0, und am Wochenende steht es riesengroß im Gemeindeblättchen.

Vom männlichen Geschlecht umgeben zu sein war für die taffe Claudia also nichts Besonderes. Sie selbst hingegen hatte als Frau mit Fußballkompetenz schon Seltenheitswert bei RTL, wo sie zu Beginn der 90er-Jahre ein Praktikum absolvierte. Darauf folgten sieben Jahre als Redakteurin bei „ran“, welche Neumann als die „Goldgräberzeit des Privatfernsehens in Bezug auf den Sport“ wahrnahm. Sie sei einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Ihr weiterer Weg führte sie nach Mainz zum „aktuellen sportstudio“, wo sie sich neben dem Fußball auch anderen Disziplinen widmen durfte, darunter der Radsport. Bis heute erinnert sich Claudia Neumann gerne an die ganz großen Momente zurück: „Jan Ullrich in Gelb in den Pyrenäen – da hatte ich immer Gänsehaut. Mittlerweile gehöre ich nicht mehr zur Crew bei der Tour de France und finde auch, dass man das einfach nicht mehr ehrlich machen kann. Das ist kein Vorwurf an die Fahrer, sondern an das ganze System.“

Neumann happy: Endlich wieder Tennis nach langer Verletzungspause

Weiteres Steckenpferd: Tennis

Einen Vorteil konnte die Journalistin aber stets aus dem Großereignis schlagen: Es überschnitt sich mehrmals mit der Frauenfußball-WM, wo ihre Kollegen sie schon länger gerne gesehen hätten. Das ging nicht, da war sie fein raus. Bis 2003. Da wurde die Weltmeisterschaft erst spät im Herbst ausgetragen, Neumann sagte „na gut“ und fand es dann „doch sehr ok“. Allerdings wird sie auch nicht müde zu betonen, dass Frauenfußball eine andere Sportart sei als Männerfußball. Langsamer. Mit kürzeren Pässen, meist weniger präzise. Und manchmal passiere zehn Minuten lang nichts. „Ich musste erst einmal lernen, was überhaupt ein gutes Länderspiel oder Bundesligaspiel ist. Und was ist schlecht, was kann man auch wirklich im Sender als schlecht verkaufen, ohne sich in die Gefahr zu begeben, etwas zu Unrecht abzuwerten?“

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Frauen-Länderspiel in Essen: Claudia Neumann in Aktion

Offenbar hat sie das ganz gut gemeistert, denn im Jahr 2011 kommentierte sie als erste Frau überhaupt ein WM-Spiel live im deutschen Fernsehen. Okay, es war Frauenfußball, aber ist es nicht umso unfassbarer, dass es bis 2011 gedauert hat, bis eine Frau randurfte? Selbstverständlich gab es für ihren Einsatz damals nicht nur Lob, sondern auch Kritik. Sie wiederhole unerträglich oft die gleichen Ausdrücke hieß es (einige Zuschauer führten sogar Strichlisten) und rede einfach zu viel. Claudia Neumann reagiert entspannt: „Jeder darf seine Meinung haben. Ich möchte nicht Everybody’s Darling sein, ich mag ja auch nicht jeden.“

Nur einmal, da wurde es ihr dann doch zu bunt. Im März dieses Jahres hatte sie Jürgen Klopp nach der BVB-Niederlage gegen Gladbach am Mikro. Kloppo, der ja bekannt ist für seine Ausraster, antwortete mehrfach patzig und warf ihr schließlich vor, er müsse arbeiten, sie sei ja nur zum Urlaub machen gekommen. Just beendete Neumann das Gespräch und ließ einen irritierten Trainer zurück, der sich wenig später bei ihr entschuldigte. Dass sie von der Presse anschließend als Kloppo-Zähmerin dargestellt wurde, ist ihr eher unangenehm. „Zwischen uns war alles schnell wieder in Ordnung. Er war eben extrem aufgebracht. Aber beim Fußball wird nicht die Weltpolitik entschieden, da geht es nicht um Hungersnöte, das ist alles nicht so dramatisch. Wer das nicht aushält, ist dort falsch. Fußball ist halt nicht Eiskunstlauf.“

Der Tatsache, dass immer noch viele Männer wenig begeistert sind von der Eroberung „ihres“ Fußballs durch das weibliche Geschlecht, begegnet Claudia Neumann ebenfalls mit Toleranz: „Einem Fußballfan, der nichts anderes hat als seinen Verein, seine Kneipe, sein Bier, seinen Schal, sein Gegröle in der Masse, können wir doch die Welt nicht neu erklären, und das will ich auch nicht. Der soll weiter in seine Kneipe seinen Verein vertreten, und wenn da eine Frau auftaucht, darf er gerne motzen.“

Wenn sie selbst in eine Fußballkneipe geht, tut sie das am liebsten in Köln. Nicht nur, weil der FC ihr Lieblingsverein ist, sondern auch, weil sie die rheinische Mentalität als einzigartig empfindet: „Du bestellst ein Kölsch und bist plötzlich in einer Runde von fünf oder sechs Leuten. Versuch das mal in Hamburg!“ Kölsch in Hamburg? Könnte schwierig werden.
Und ihr Lieblingsspieler? Kommt der auch aus Köln? „Nein, da gibt es keinen speziellen. Wie Müller spielt, ist zum Beispiel Wahnsinn. Das kann man nicht lehren. Grundsätzlich stehe ich aber auf die technisch starken Spieler, die auch auf engstem Raum mit dem Ball umgehen können. Denen verzeihe ich sogar alle möglichen Fehler. “
Wir auch, Claudia, wir auch. Und stellen fest: Wer sich mit einer solchen Entspanntheit und Fachkompetenz in einer Männerwelt bewegt, ist nicht darauf angewiesen, immer wieder die Ellbogen auszufahren.

Neumann_hoch Neumann_lacht

2 Antworten zum Thema ““Fußball ist halt nicht Eiskunstlauf”

  1. Tom sagt:

    weg mit der Nervensäge. aber ganz schnell !!!!!!

    1. Natalia sagt:

      Hey Tom, jetzt würde uns natürlich schon mal interessieren, was du an ihr so nervig findest.

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