Einmal Himmel und zurück

Legendäre Matches

Einmal Himmel und zurück

23.09.2014 | 12:42 | Natalia

Ich war in Kaiserslautern“ – antwortete im April 2009 Pep Guardiola, seinerzeit Trainer beim FC Barcelona, auf die Frage eines deutschen Journalisten nach den verbleibenden Chancen der Bayern für das anstehende Champions-League-Rückspiel trotz deren hoher Hinspiel-Niederlage im Stadion Camp Nou.

Damit verwies er anerkennend auf ein legendäres Match 18 Jahre zuvor, an dem er als junger Spieler des ruhmreichen Barça selbst teilgenommen hatte: Dem 3:1 des 1. FC Kaiserslautern gegen d­­­en FC Barcelona vom 6. November 1991.

Dessen Rahmenbedingungen sind schnell erzählt: Die Champions League hieß noch nicht Champions League, sondern Europapokal der Landesmeister, und man trug nicht Dreitage-, sondern Oberlippenbart. Dem Überraschungsersten der Bundesliga-Saison 1990/91 Kaiserslautern stand für den Einzug in die Gruppenphase des Landesmeisterwettbewerbs die übermächtige Mannschaft aus Barcelona gegenüber, die noch heute als Dreamteam bezeichnet wird. Das Hinspiel gegen die mit Weltstars wie Hristo Stoichkov, Michael Laudrup und Ronald Koeman gespickte Auswahl verloren die „Roten Teufel“ dementsprechend erwartungsgemäß mit 2:0.

Was dann passierte, war allerdings weniger vorherzusehen: 30.200 frenetische Zuschauer erwarteten die vom großen Johann Cruyff trainierten Katalanen in jener Novembernacht zum Rückspiel auf dem ausverkauften Betzenberg in Kaiserslautern. Als hätten Sie das Fernseh-Interview des selbstbewussten niederländischen Coachs am Spielfeldrand als letzten Motivationsschub gesehen (sinngemäß: „Warum soll man auf die anderen gucken? … Die sollen aufpassen“), feuerten die Fans ihren FCK schon vor Anpfiff des Spiels in ohrenbetäubender Laustärke an und tauchten das gesamte Stadion mit bengalischen Feuern in teuflisches Rot. Starke Signale an den Gegner: Willkommen in der Hölle!

Getragen von dieser atemberaubenden Atmosphäre gelang es dem FCK in den ersten 20 Minuten des Spiels tatsächlich, sich gegenüber den sichtlich beeindruckten Spaniern Feldvorteile zu erarbeiten. Die Chancen häuften sich und führten in der 35. Minute zur verdienten 1:0-Führung durch Demir Hotic. Spätestens als der bosnische Stürmer kurz nach der Halbzeitpause mit seinem zweiten Tor das Ergebnis des Hinspiels egalisierte, lag eine Sensation in der Luft. Die Spannung steigerte sich von Minute zu Minute ins Unermessliche. Den Roten Teufeln gelang es in der Folge, nochmals zuzulegen und die vermutlich beste Vereinsmannschaft der 1990er-Jahre an die Wand zu spielen. Mit seinem Tor zum 3:0 erlöste Bjarne Goldbaek in der 76. Minute die Fans. Das Stadion brach endgültig in einen kollektiven Freudentaumel aus. Der „Betze“ brannte!

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Trotz “Rotzbremse” kannten Stefan Kuntz (vorne) und der FCK gegen Barcelona kein Halten.

Obwohl Barcelona zu diesem Zeitpunkt ausgeschieden war, stürmte Kaiserlautern einfach weiter, erarbeitete sich Chance um Chance. Angetrieben von den vollends euphorisierten Zuschauern („zieht den Spaniern die Badehose aus“ hallte es durch die Arena) schien ein weiteres Tor nur noch eine Frage der Zeit – doch das fiel nicht. Als eine Minute vor regulärem Ende der Spielzeit die Anzeigetafel immer noch auf 3:0 stand, störte dies im Stadion niemanden mehr; es reichte ja zum Weiterkommen. Der Schiedsrichter zeigte bereits die Nachspielzeit an, und alle – wohl auch die Roten Teufel selbst – waren eigentlich nur noch damit beschäftigt, die Gänsehautstimmung in sich aufzunehmen und diesen unfassbaren Triumph auszukosten.

Und dann … dann kam Jose Mari Bakero aus dem Nichts. Nach einem Freistoß von Koeman nutzte der spanische Mittelfeldspieler eine Unachtsamkeit der FCK-Abwehr und köpfte in der 90. Minute zum 3:1 in den Kasten von Torwart Gerry Ehrmann ein. Lähmendes Entsetzen, Fassungslosigkeit und tiefe Trauer erfassten das gesamte Stadion innerhalb von Sekunden. Der Schiedsrichter pfiff ab und einige Spieler ließen sich auf den Rasen fallen, weinten hemmungslos. Die Zuschauer verharrten in Schockstarre auf den Rängen. Auch später tröstete die Erkenntnis, gegen den kommenden Europapokalsieger eine überragende Leistung gezeigt und allein aufgrund der Auswärtstorregel verloren zu haben, nur wenig. Viel zu emotional war das Spiel verlaufen.

Kaiserslautern gegen Barcelona im November 1991 wird ewig in Erinnerung bleiben als „einmal Himmel und zurück“.

Autor: Markus Rauber

 

INTERVIEW

Stefan Kuntz, heute Vorstandsvorsitzender des 1. FC Kaiserslautern, stand bei SK_webdiesem legendären Match gegen die Katalanen auf dem Feld. Er verrät der Spielerfrau, wie er den brennenden Betze erlebt hat und ob Pep Guardiola bis heute ein Rivale ist.

SF: Haben Sie bis zur letzten Minute noch an eine Sensation geglaubt? Beschreiben Sie bitte einmal, was Ihnen durch den Kopf ging, als klar wurde, dass es nicht reichen wird.

SK: Nach dem Gegentor kurz vor Ende des Spiels war uns schon allen klar, dass die greifbare Sensation leider doch nicht stattfindet. Die Enttäuschung verdrängte die während des Spiels entstandene Euphorie leider sehr schnell. Am Ende konnte sich keiner darüber freuen, dass wir den großen FC Barcelona 3:1 besiegt hatten.

SF: War dieses Spiel für Sie das aufregendste Ihrer Karriere? Womöglich noch vor dem EM-Finale 1996?

SK: Es war schon ein ganz besonderes Spiel, aber das EM-Halbfinale 1996 gegen England, das Pokalfinale mit dem FCK oder das letzte Spiel der Meisterschaft 1990/91 in Köln vor 40.000 FCK-Fans waren schon noch ein wenig aufregender. Und diese Spiele verliefen auch alle erfolgreich.

SF: Der Betze hat an diesem denkwürdigen Tag gebrannt. Können Sie aus Ihrer Sicht beschreiben, was sich auf der Tribüne abspielte?

SK: Die Stimmung bekommt man als Spieler nur vor dem Anpfiff, beispielsweise beim Aufwärmen, so richtig mit. Aber da herrschte ja auch schon eine wahnsinnige Atmosphäre. Das saugt man natürlich auf. Danach bekommt man den „Tunnelblick“ und nimmt alles rundherum nur noch wie in Trance wahr. Doch die Bilder danach und die Erzählungen von Fans lassen uns bis heute nochmals daran teilhaben. Das Spiel ist ja heute noch oft Gesprächsthema. Und obwohl wir am Ende ausgeschieden sind, hat es den Mythos Betzenberg mitgeprägt.

SF: Vor dem diesjährigen Pokalspiel gegen Bayern München munkelte die Presse, Sie hätten mit Pep Guardiola “noch eine Rechnung offen”. Fühlt sich das tatsächlich so an?

SK: Nein, so war es absolut nicht. Nur war es ja selten, dass wir mit dem FCK im Europapokal gespielt haben. Zumindest seltener als Barcelona. Und in der Nationalmannschaft habe ich die Barça-Spieler von damals nicht so oft gesehen, von daher war es eher ein freundliches Wiedersehen, mit den Erzählungen aus Peps Sicht. Es war interessant zu hören, wie er das Spiel erlebt hatte. Auch in Barcelona ist das Spiel noch bis heute bei vielen Fans bekannt.

Titelfoto: dpa/Tim Brakemeier

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