Feldversuch Capoeira

Trikottausch

Feldversuch Capoeira

23.06.2014 | 10:54 | Natalia

Zum Start der WM ist Capoeira überall. In Dokumentationen, im Camp der Nationalmannschaft, bei der Eröffnungsfeier. Der brasilianische Kampftanz entstand vermutlich im 18. Jahrhundert unter afrikanischen Sklaven und hat sich seitdem vielseitig entwickelt. Die echte Capoeira findet nicht in einer Bühnenformation, sondern in einem Menschenkreis statt, begleitet vom Klang traditioneller Instrumente. Aber was ist eigentlich so faszinierend an diesem ungewöhnlichen Kampftanz? Und welche Fertigkeiten braucht es, um ihn zu erlernen? Unsere Redakteurin Natalia geht diesen Fragen nach und absolviert eine komplette Trainingseinheit – bei brasilianischen Temperaturen von 34 Grad. Was so einfach aussieht, hat es wirklich in sich …

“Hallo, ich bin Cigano.” – “Ach so, ich hatte mit einem Herrn Vas gesprochen.” – “Ja, das bin ich. Cigano ist mein Capoeira-Name.” Das fängt ja gut an. Unwillkürlich muss ich an meinen Frühenglisch-Unterricht denken. Damals, in der dritten Klasse, bekam jeder Schüler von der Lehrerin einen englischen Namen verpasst. Ich war Jane. Bitte keine Tarzan-Witze!
Cigano ist ein sogenannter Mestre der Capoeira, ein Meister, und hat die Gruppe aufgebaut, die mich als blutigen Anfänger heute in ihren Reihen empfängt. Als einzige Person in diesem Frankfurter Sportsaal trägt er ein schwarzes Seil um die Hüften, die sogenannte Corda. Die Cordas können allein durch Mestres vergeben werden und ähneln in ihren Farben den Judo-Gürteln. Allerdings hat da jede Gruppe ihre eigene Farbfolge. Ich merke mir einfach: Je dunkler der Gürtel, desto unwürdiger meine Wenigkeit.

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Zum Aufwärmen ordnet der Mestre – jippie! – ein Fußballmatch an. Das einzige Problem: Alle tragen die gleiche Kluft. Eine weiße, lange Hose und ein Shirt mit dem Emblem ihrer Gruppe. Nun denn, sobald der Ball in meine Nähe kommt, holze ich einfach drauf in Richtung Tor. Einmal holze ich gegen ein Bein und stauche mir den großen Zeh. Einmal holzt jemand anderes gegen den Ball, der mich frontal im Gesicht trifft. Fußball kann ja so gnadenlos sein. Ich gebe zu, der Ball war so weich wie ein Babypo. Außerdem bekomme ich einen Freistoß, den Cigano gekonnt in ein Tor verwandelt.

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Gerade als ich auf dem Höhepunkt meiner fußballerischen Ekstase bin, wird das Match beendet und die ganze Kompanie geht zum Krafttraining über. Der Schweiß rinnt bei allen bereits in Strömen, und so bin ich froh, dass wir keine Partnerübungen absolvieren müssen. Dafür: Bauch, Rücken, Liegestütze, Kniebeugen. Und das nicht zu knapp. Spätestens jetzt wird mir klar, dass ich es hier nicht mit einer Gruppe von Hobby-Hampelmännern zu tun habe. Drei mal pro Woche trifft sich die “Formando Cigano” zum Training. Der Mestre erklärt mir, das sei das Minimum, um sich wirklich konstant zu verbessern. Er selbst hat 22 Jahre lang fast täglich trainiert, um ein Meister der Capoeira zu werden. Ich bin schon froh, wenn ich die eineinhalb Stunden heute heil überstehe.

Als nächstes stehen dann doch noch Partnerübungen auf dem Programm. Allerdings ohne Berührungen, was mir sehr entgegenkommt, weil es inzwischen an meinem Körper keinen trockenen Quadratzentimeter mehr gibt. Und jetzt geht auch endlich die eigentliche Capoeira los. Basis für alle Moves ist die sogenannte Ginga (sprich Dschinga), eine einfache Schrittkombination, bei der man gleichzeitig das Gesicht mit den Armen schützt. Nach ein paar Wiederholungen klappt das schon ganz gut, sodass ich meinen ersten Kick versuchen darf. Hopp, das Beinchen über den Kopf meiner Sparringspartnerin namens Lula (ja, ein Capoeira-Name), die sich gekonnt wegduckt, und dann das Ganze umgekehrt. Ich werde netterweise vorgewarnt, wann und von welcher Seite der Angriff kommt, später muss man das im Gefühl haben. Lula heißt eigentlich Nici und ist seit eineinhalb Jahren dabei. Ich möchte von ihr wissen, was sie an der Capoeira so fasziniert. “Es ist die Kombination aus Sport, Musik und Lebensfreude”, verrät sie. “Außerdem ist es schön, dass man in der Gruppe trainiert und trotzdem niemanden blockiert, wenn man doch mal arbeiten muss und nicht am Training teilnehmen kann.” Das klingt toll. Jetzt aber schnell wieder ducken.

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Erwartungsgemäß komme ich mir bei all diesen Übungen ziemlich unbeholfen vor, aber das macht nichts. Die Leute sind extrem offen und freundlich, und mein Hirn ist nach diesem sahara-verdächtigen Tag noch einmal so richtig gefordert. Das tut gut. Der Höhepunkt des Trainings kommt aber erst jetzt. Alle Capoeiristas bilden einen Kreis (portugiesisch:. roda), Mestre Cigano und zwei Gruppenmitglieder schnappen sich traditionelle brasilianische Instrumente, und dann geht es los. Immer zwei Leute treten innerhalb der Roda gegeneinander an. Das Ziel ist es nicht, jemanden zu treffen und zu verletzen, sondern die Bewegungen des Gegenübers zu erahnen und gekonnt auszuweichen. Die Trommel wird immer schneller, Schweißtropfen und Beine fliegen mir entgegen, Berauschtheit liegt in der Luft. “Du kannst das Spiel ruhig auch kaufen”, werde ich von der Seite angestupst. Wie bitte? Ich werde aufgeklärt: Die Capoeira wird nicht gekämpft, sondern gespielt. Und wenn man in die Roda möchte, muss man sich gewissermaßen reindrängeln und jemanden “rauskaufen”.

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Ich hole einmal tief Luft, wische mir den Schweiß von der Stirn, nehme all meinen Mut zusammen und stehe dann ausgerechnet dem Mestre gegenüber. Erst ein Shake-Hands in der Hocke, dann ein Rad in die Mitte der Roda. Wir schauen uns an, ich ziehe meine eingeübte Ginga knallhart durch. Hier und da wage ich einen Kick, aber die meiste Zeit verbringe ich in der geduckten Schutzstellung. Dazwischen Ginga, immer in Bewegung bleiben. Oh wie gerne würde ich diesen verrückten Tanz-Kampfsport in diesem Augenblick beherrschen. Ich fürchte, ich bin infiziert. Gib mir Capoeira-Namen! Mein Vorschlag: cachoeira (Wasserfall).

Hier seht ihr, wie Nicht-Banausen beim Capoeira ausschauen:

 

3 FRAGEN AN MESTRE CIGANO

Wurdest du bei der Capoeira schon mal ernsthaft verletzt?
Cigano: Wir sagen immer spaßeshalber: Mestre wird man erst nach fünf Operationen (lacht). AbCapoeira Frankfurt
einem gewissen Level geht es schon zur Sache. Ich hatte schon Nasenbeinbrüche, Rippenbrüche, das Schlüsselbein war gebrochen. Es gibt zwar eigentlich nicht so viele Zusammenstöße, aber im Grunde ist es wie in allen anderen Sportarten auch: Hin und wieder passiert eben etwas, und wenn man es leistungsmäßig betreibt, können auch mal verschleißbasierte Verletzungen auftreten. Capoeira ist halt kein Gesundheitssport. Aber nicht jeder Fußballer spielt Champions League, genauso kann man Capoeira auch als Hobby pflegen.

Haben Frauen in diesem Sport gewisse Vor- oder Nachteile?
Cigano: Nein, das kann man so nicht sagen. Es gibt eher Unterschiede in der Herangehensweise. Männer sind mehr Harakiri, sind oft besessener. Frauen sind meistens weniger bereit, sich vollkommen kompromisslos in harte Kämpfe zu werfen. Aber Capoeira ist definitiv ein Sport für beide Geschlechter. Es braucht einfach die richtige Mischung aus Leidenschaft, Disziplin, aber auch Humor und Spaß an der Sache.

Für wen schlägt dein Herz bei der Fußball-WM?
Cigano: Ich bin eh Mischling. Mein Vater kommt aus Ungarn, meine Mutter aus Chile, ich bin in Deutschland geboren, von daher ist mir das klassische Nationaldenken fremd. Am ehesten drücke ich Underdogs wie Nigeria die Daumen.
… und wenn Brasilien gegen Deutschland spielt?
Cigano: Dann möge der Bessere gewinnen.

Fotos & Video: Maik Reuß

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