Der Triumph von Rio

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Der Triumph von Rio

21.07.2014 | 4:54 | Natalia

Während wir noch mit den Nachwehen des WM-Sieges beschäftigt waren, unsere heiseren Stimmen und unseren Schlafmangel kuriert haben, sind bereits mehrere Bücher über diese verrückte Weltmeisterschaft erschienen. Unterschiedlich schön, unterschiedlich dick, unterschiedlich tauglich. Unsere Empfehlung: “Der Triumph von Rio” von Ulrich Kühne-Hellmessen (Herausgeber) und Detlef Vetten (Autor).
Die Zusammenschau der beiden erfahrenen Sportjournalisten ist am 18. Juli erschienen, genau fünf Tage nach WM-Ende. Das Schöne ist, dass man dem Inhalt diesen Zeitdruck nicht anmerkt. Es ist einfach alles Wichtige drin, von der Eröffnung bis zum finalen Siegesjubel unserer Nationalmannschaft. Nach einer gänsehautverdächtigen Bilderstrecke folgt das Buch chronologisch allen Highlights des Turniers am Zuckerhut, gespickt mit fundierten Reportagen und Fotos, Fotos, Fotos. Und wir gehen mit, knien noch einmal mit Casillas am Boden, schütteln dem besten Spieler – dem angefressenen Messi – die Hand, boxen mit Neuer die Gegner im Strafraum um, treten mit Huntelaar die Eckfahne ins Jenseits. Und vieles mehr. Neben dem, was auf dem Platz passierte, lesen wir unter anderem über Jogis Visionen, Brasiliens Proteste und unsere Nationalelf hinter den Kulissen.
Klar können wir uns momentan noch an jede Einzelheit der WM erinnern. Alles andere wäre Anlass zur Sorge. Aber “Der Triumph von Rio” ist wie ein schöner Film, den man sich ohne Weiteres viele Male ansehen kann, weil die Emotionen immer wieder da sind. Ein Buch für jene Momente, in denen man sich einfach mal wieder eine Dose WM 2014 aufmachen möchte. Und mit Sicherheit werden wir es eines Tages unseren Enkeln zeigen, nachdem wir ihnen erklärt haben, was ein Buch ist. “Schau mal, das war einmal der beste Torhüter der Welt. Und von diesem Jungen waren alle enttäuscht, bis er in der 113. Minute des Endspiels das alles entscheidende Tor machte. Und was für eins!” Seufz. So wird es sein.

Kühne-Hellmessen / Vetten: Der Triumph von Rio, Verlag Die Werkstatt, 176 Seiten, UVP 16,90 Euro. ISBN 978-3730701126


Ulrich Kühne-Hellmessen im Interview

SF: Derzeit erscheint eine ganze Reihe von Büchern über die WM 2014 in Brasilien.Ulrich Kuehne Hellmessen / copyright: Barbara Volkmer Ein ziemlich früher Zeitpunkt. Haben Sie Ihres praktisch in Echtzeit geschrieben? Und warum sollte man sich gerade “Der Triumph von Rio” zulegen?

K-H: “Der Triumph von Rio” enthält keine Spielberichte, sondern Storys. Das ist journalistisch eine große Herausforderung unter dem Zeitdruck. Das bedeutet, dass wir sowohl die Reaktionen abgewartet haben als auch Zusammenfassungen der Gruppenspiele im Achtelfinale und Viertelfinale produziert haben. So konnten wir anders gewichten und werten. Herausgekommen ist ein spannendes Buch, in dem nichts fehlt, aber das durch die Texte von Detlef Vetten einen enormen Lesewert und eine große Nachhaltigkeit hat. So ein Konzept unter diesem Zeitdruck umzusetzen, hebt uns von den anderen Titeln ab. Optische Highlights wie das Weltmeister-Poster mit allen 16 WM-Toren von Miro Klose oder den sieben Jubelbildern nach den sieben Toren gegen Brasilien sorgen für die richtige Mischung. Es lohnt sich also, auf den “Triumph von Rio” zu setzen.

SF: Was hätten Sie gemacht, wenn wir bereist im Achtelfinale ausgeschieden wären? Haben Sie der deutschen Elf von Beginn an einen solchen Erfolg zugetraut?

K-H: Da das DFB-Team auch dreimal zuvor das Halbfinale erreichte, haben wir natürlich auf einen solchen Erfolg gehofft. Aber es war ja nicht so, dass Deutschland der Topfavorit war. Geschickt hatten Jogi Löw und seine Jungs die Erwartungshaltung reduziert, nachdem sie bei der EM 2012 sich selbst zum Favoriten ernannt hatten. Aber auch bei einem Aus im Achtelfinale wäre das Buch erschienen. Eine WM ist ein Fußball-Weltereignis mit großer Nachhaltigkeit, auch weil es nur alle vier Jahre stattfindet. Der Aufbau des Buches wäre identisch geblieben, aber der Schwerpunkt (vor allem mit Fotos) hätte sich dann auf alle Länder verteilt. Nun wurde daraus ein deutsch-geprägtes Buch.

SF: Was war Ihrer Meinung nach der Schlüssel zum deutschen Triumph von Rio?

K-H: Erstens: Dass mit Italien und Spanien zwei “Angstgegner” frühzeitig ausgeschieden sind. Zweitens: der Champions League-Gewinn 2013 des FC Bayern, weil die Generation um Lahm, Schweinsteiger und Neuer dort den Nachweis erbracht hat (und selbst das Gefühl bekommen hat), Winner-Typen zu sein. Drittens: Jogi Löw, der (auch auf Grund der Negativ-Erfahrung bei der EM 2012) diesmal die Souveränität ausstrahlte und das Wissen in die Stärke der eigenen Mannschaft. Das DFB-Team kannte auf jede Herausforderung eine Antwort: auf den Rückstand gegen Ghana; das Geduldsspiel gegen die USA; gegen die um ihr Leben kämpfenden Algerier; gegen 200 Millionen Brasilianer. Diese Flexibilität war der Schlüssel zum Erfolg.

SF: Wie haben sie das Finale erlebt? Ist das womöglich die beste deutsche Mannschaft aller Zeiten?

K-H: Das Finale war für uns deshalb hochspannend, weil noch 60 Buchseiten offen waren. Jede Situation registriert werden musste, um entsprechend reagieren zu können – in Text und Foto.
Der Spielstil, den Jogi Löw dieser Mannschaft verpasst hat, ist sehr attraktiv weil offensiv, zum Teil spektakulär. Wenn wir nur die Ergebnisse mit denen von 1990 vergleichen (damals gabs einen Elfmetersieg im Viertelfinale gegen Tschechien, ein Elfmeterschießen im Halbfinale gegen England), war das nunmehr viel souveräner mit den zwei überragenden Siegen gegen Portugal und Brasilien. 1990 brauchten wir auch ein Elfmetertor zum Sieg, diesmal war es ein technisch perfekter Treffer von Mario Götze. Allein dieser Vergleich zeigt, wie gut die jetzige Mannschaft wirklich ist. Aber für mich bleiben die 72er-Europameister die Besten.

SF: Welcher Spieler hat Sie während der Weltmeisterschaft besonders beeindruckt?

K-H: Von der DFB-Elf Manuel Neuer. Er hat das Torwartspiel neu erfunden: Als Libero, Spielmacher (durch schnelle Abwürfe), Strafraumbeherrscher und reaktionsschneller Linienmann. Das war eine Demonstration. International James Rodriguez aus Kolumbien.

SF: Beim letzten WM-Titel 1990 sagte Franz Beckenbauer, die Mannschaft sei auf Jahre hin unschlagbar. Das traf nicht zu. Wie sehen Sie die Zukunft unserer jetzigen Elf?

K-H: Wir gehen immer sehr kritisch mit uns selbst um. Wir haben nicht die perfekte Mannschaft gesehen. Spieler wie Özil, Götze, Khedira können noch mehr. Höwedes, der eine starke WM spielte, ist trotzdem nicht der beste Linksverteidiger. Zudem fehlten Reus und Gündogan. Die Aufgabe bleibt für Jogi Löw, das Spiel zu verbessern. Aber Argentinien (das haben wir im Finale gesehen), auch Spanien (sie werden nun einen Neuaufbau anstreben), vielleicht auch schnell wieder Italien sind nicht so viel schlechter. Diesmal hat alles gepasst. Und es muss auch bei den nächsten Turnieren alles passen, um erfolgreich zu sein. Die Weltspitze ist dicht beieinander.

Bilder: Verlag Die Werkstatt; Barbara Volkmer

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