Die Mutter aller Niederlagen

Legendäre Matches

Die Mutter aller Niederlagen

18.08.2014 | 2:16 | Kerstin

26. Mai 1999. Schauplatz Camp Nou in Barcelona. Der FC Bayern München trifft im Champions-League-Finale auf Manchester United. Es sind die wohl tragischsten drei Minuten in der Geschichte des sonst so siegesverwöhnten FC Bayern München, welche so manchem Fußballbegeistern im Allgemeinen und denen aus dem Umfeld des Vereins im Besonderen in Erinnerung bleiben.

Mario Basler beispielsweise, der seiner Mannschaft zu einer Führung über 84 Minuten hinweg verholfen hatte und die letzten Minuten bereits ausgewechselt und mit Siegerkappe neben dem Champagnerkrug am Spielfeldrand verbrachte. Oder Mehmet Scholl, der den Spieß nach Spielende einfach mal umdrehte und sich von den anwesenden Journalisten Autogramme auf sein T-Shirt geben ließ. Wahrscheinlich auch dem Loddar, der des Nachts in frustbetrunkenem Zustand schon eine zweite Karriere an der Seite von Vereinskoch Alfons Schuhbeck anstrebte.
Allzu gut erinnern sich wohl auch die RTL-Moderatoren Günther Jauch und Marcel Reif daran; in Jauchs Kleiderschrank hängt schließlich noch immer der Anzug, den er an jenem denkwürdigen Tag im Studio trug. Und Reif? Der hatte nach dem Spiel nicht einmal Lust, es zu analysieren.
Niemand wird sich jedoch wohl auf die Weise daran erinnern, wie es Franz Beckenbauer, Edelfan Boris Becker und der damalige UEFA-Präsident Lennart Johanson tun. Denn diese drei verpassten ausgerechnet wegen einer Fahrt im Aufzug den winzigen Bruchteil des Spiels, der alles verändern sollte.

Doch was geschah eigentlich an diesem 26. Mai 1999 im Camp Nou in Barcelona? Nun, rollen wir das Ganze doch noch einmal wieder auf. Wir schreiben die 90. Minute des Champions-League-Finales des FC Bayern gegen Manchester United. Die Bayern führen seit der 6. Minute mit dem knappen Vorsprung von 1:0 und wähnen sich nun, da sich die Partie ihrem Ende nähert, in Sicherheit. Der Pokal ist zum Greifen nahe. Champions-League-Sieger 1999, das wäre doch was!
Die ersten Spieler feiern schon; das Münchner Abendblatt hat bereits die Einzelkritiken fertig verfasst und in überschwänglicher Freude jedem Spieler die Note 1 verpasst. Da zeigt der vierte Offizielle drei Minuten Nachspielzeit an. Ausgerechnet Kapitän Effenberg ist es, der in dieser von achtloser Vorfreude gekennzeichneten Schlussphase einen Eckball verursacht und damit die Gefahr einleitet. David Beckham übernimmt den Standard; dieser führt zu einem Tumult, in dem die Bayern den Ball nicht wegbekommen. Schließlich ist es Joker Teddy Sheringham, der sticht. Die Bayern protestieren – vorneweg der Titan.

Na gut, dann eben doch Verlängerung, denken sich die Beteiligten. Nicht schön, da sich die Nerven doch gerade ein wenig entspannt hatten und der Sieg sicher geglaubt war, aber es ist ja immer noch alles drin. Dann beginnt die 92. Minute. Als wäre die Gefahrensituation nur zwei Minuten zuvor nicht Lehre genug gewesen, verursachen die Bayern kurz vor Schluss erneut eine Ecke – sie soll ihnen zum Verhängnis werden.
Das Déjà-Vu beginnt. Wieder ist es Beckham, der den Ball hereinbringt wieder kann der Standard nicht direkt verwandelt werden, wieder ist es ein Einwechselspieler, der schließlich doch den Ball ins Tor befördert – Ole-Gunnar Solksjaer mit einem Volleyschuss aus drei Metern unter die Latte. Ein Tor wie der Stich einer Nadel mitten ins rot-weiße Bayernherz.
Danach? Nur noch Leere. Fassungslosigkeit. Resignation. Kein Protest mehr. Keine Kraft. Sinnbildlich für das gesamte Bayern-Universum schrumpfen die Großen auf dem Rasen zu kleinen trostlosen Figuren zusammen und sinken zu Boden. Doch noch läuft das Spiel. Und der Kommentar des Schiedsrichters Pierluigi Collina verhöhnt die Spieler einmal mehr: „Steht auf, wenn ihr Männer seid!“
Etwa zu diesem Zeitpunkt steigen Johanson, Becker und Beckenbauer aus dem Fahrstuhl, der sie zur vermeintlichen Siegesfeier in den Innenraum des Stadions gebracht hatte. Sie sind bester Laune, hatten sie doch gerade Jubel vernommen und sind sich eines bayerischen Sieges sicher. Umso erstaunter sind alle drei, als sie sehen, wer dort auf dem Rasen tatsächlich jubelt. 93 Minuten und 34 Sekunden dauert es bis zur schwersten aller Niederlagen, nach der es von der Gewinnerseite wohl nicht vielmehr an Worten bedarf als Sir Alex Fergusons „sorry“.

Doch damit nicht genug. Durch die erneute Niederlage im Pokalfinale gegen Werder Bremen, wo ausgerechnet Effenberg und Matthäus ihre Strafstöße verschießen, wird diese in gewissem Sinne endgültig. Ultimativ. Der Stern des großen FC Bayern ist in diesen Tagen und Minuten ein Stück gesunken – um schon bald darauf wieder in voller Pracht aufzugehen.

Text: Lea Sophie Birke
Foto: dpa picture alliance / Pressefoto ULMER/Markus Ulmer

Eine Antowort zum Thema: “Die Mutter aller Niederlagen

  1. Lars sagt:

    Hallo Spielerfrau,

    schöner Artikel. Zwei weitere Szenen, die diese Niederlage so bitter machten:
    Mehmet Scholl traf mit mit einem wunderschönen Lupfer den Innenpfosten und Carsten Jancker scheiterte mit einem Fallrückzieher an der Unterkante der Latte. Vermutlich wäre eines dieser beiden Tore auch Tor des Monats geworden.

    Grüße, Lars

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