Quo vadis, Tour de France?

Kommentar

Quo vadis, Tour de France?

18.07.2014 | 11:22 | Natalia

Es ist inzwischen schon einige Jahre her, dass ich jeden Sommer drei Wochen lang wie gebannt vor dem Fernseher gesessen und einer Horde Männern beim Radfahren zugesehen habe. Rolf Aldag, Erik Zabel, Jan Ullrich – das waren alles Helden! Einer in Grün, einer in Gelb, Mannschafts-Gesamtsieg. Und Lance Armstrong erst …! Die Tour de France war ein Ereignis. Und wie hart diese Typen waren. Fast unwirklich. Im Nachhinein kann man natürlich sagen: Das hätte einem zu denken geben müssen. Hat es aber nicht. Weil Idole nicht dopen. Weil das ehrliche, sympathische Sportler waren. So dachte ich, so dachten die meisten.
Und heute? Heute ist von all dieser Verehrung, all diesem Glanz nichts mehr übrig. Ergebnisse der Tour erfahre ich bestenfalls in den 20-Uhr-Nachrichten, und auch dann sagen mir die Namen derer auf dem Siegertreppchen nichts, sind morgen wieder vergessen. Das Interesse für den Radsport ist ersatzlos gestrichen. Es tut mir wirklich leid für all die Fahrer, die sich ihre Erfolge ehrlich verdient haben. Falls es sie gibt. Aber ich habe mich von der Tour de France getrennt, wir haben uns einfach auseinandergelebt.
Die Helden sind gefallen. Aber noch viel schlimmer ist, wie sie gefallen sind. Dass sie erst ausgepackt haben, als es wirklich gar nicht mehr anders ging und nur das Nötigste zugegeben haben.
Allen voran Lance Armstrong, der siebenmalige Tourgewinner. Ausgerechnet bei Talk-Queen Oprah Winfrey wollte er Anfang 2013 endlich eine große Beichte ablegen. Stattdessen: ein minimales Eingeständnis, die Inszenierung als Opfer des Systems. Nicht einmal die Tränen konnte man ihm mehr abnehmen. “Der Lance kreißte und gebar ein Mäuslein” hieß es in der WELT. Auf den Punkt.
Und auch Jan Ullrich war zu feige, um die Karten offen auf den Tisch zu legen. Im Abstand von gefühlten Jahrtausenden presst er immer mal wieder ein Klümpchen Wahrheit zwischen seinen Lippen hindurch. Erst “Ich habe niemanden betrogen”. Dann war das vielleicht doch so, aber nur (!) Blutdoping, kein EPO. Gut gemacht. Immer schön abstreiten, was ohnehin schon alle wissen. Nein, das sind keine Vorbilder mehr, und wenn sie 300 Mal die Pyrenäen durchquert hätten.
Und dann noch das: Sowohl ARD und ZDF zeigen sich seit 2009 konsequent und übertragen die Tour de France nicht mehr live. Stattdessen läuft sie auf Eurosport. In diesem Jahr hatte die Tour außerdem das fatale Schicksal, während der Fußball-WM zu starten. Keine Chance, rote Karte für die Radler.
Was höre ich da? Die deutschen Fahrer schneiden aktuell so gut ab wie noch nie? Aha. Wie heißen die? Marcel Kittel, André Greipel. Nun ja. Ich freue mich. Ein bisschen. Aber ich fürchte, echte Euphorie wird bei mir für die Tour de France nicht mehr aufkommen. Nicht in diesem Jahr, nicht in diesem Leben.
Es bleibt zu hoffen, dass sich das Gesicht dieser Veranstaltung irgendwann einmal wieder aufhellt und wir wieder an einen ehrlichen Wettbewerb glauben können. Wenn ich das so schreibe, klingt es bereits nach Utopie. Das System Radsport hat versagt, und wenn nicht radikal aufgeräumt wird, verschwindet die Tour de France irgendwann in der Versenkung.
Einen Vorschlag zur Güte hätte ich allerdings noch. Aus Protest könnte man doch nächstes Jahr während der gesamten Tour immer nur den Etappenletzten zeigen. Sollte der dann auch des Dopings überführt werden, verbrenne ich mein Fahrrad.

Foto: Photo by Bryn Lennon/Getty Images

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