Der tiefe Fall des Gerard Piqué

Auswärtsspiel

Der tiefe Fall des Gerard Piqué

17.11.2014 | 11:15 | Annette

Er ist Welt- und Europameister und triumphierte in der Champions League, der Copa del Rey, der spanischen Meisterschaft sowie der Klub-WM. Er ist 27 Jahre alt und hat bereits fast alles gewonnen, was es im Fußball zu gewinnen gibt. Gerard Piqué schien der Erfolg nur so zuzufliegen. Umso ungewohnter dürfte für den Innenverteidiger vom FC Barcelona in dieser Saison sein tristes Dasein auf der Bank sein. Er verspürt Gegenwind, und das nicht nur von den Kritikern in den Medien, sondern besonders von seinem eigenen Trainer, Luis Enrique. Woher rührt der tiefe Fall des Gerard Piqué? Die Spielerfrau geht auf Spurensuche.

“Piquénbauer”, so wurde Gerard Piqué schon ziemlich früh in seiner Karriere genannt. Den Spitznamen erhielt der Spanier wegen seiner eleganten, offensiven und zugleich kompromisslosen Spielweise, die stark an Libero-Legende Franz Beckenbauer erinnert. Ein Vergleich, der Piqué schmeichelt und der gleichzeitig andeutet, welch großes Potenzial in dem Spieler steckt. Wie Superstar Lionel Messi wurde auch Piqué in “La Masia”, der Kaderschmiede des FC Barcelona ausgebildet. Und durchlief dort eine harte Schule. Überliefert ist eine Begegnung zwischen dem jungen Innenverteidiger und dem damaligen Trainer des A-Teams, Louis van Gaal. Als Piqués Großvater Amador Bernabeu, lange Vizepräsident des katalanischen Clubs, seinen Enkel dem Chefcoach vorstellte, schubste der den 14-Jährigen einfach um und kommentierte die Aktion mit den Worten “Mit der Standfestigkeit schaffst du es nie zu den Profis”.

Piqué durchlief dann auch nicht den direkten Weg von Barcas Jugend in die erste Mannschaft. Er wechselte zunächst auf die Insel zu Manchester United, wo er unter Alex Ferguson trainierte. Den Durchbruch schaffte er auch dort nicht, zu stark waren seine direkten Konkurrenten Rio Ferdinand und Nemanja Vidic, doch er entwickelte sich weiter. Standfestigkeit, womit ihn van Gaal noch provozierte, hatte er sich zugelegt. Und als Piqué 2008 zum FC Barcelona zurückkehrte, freuten sich die Fans auf einen wuchtigen, kopfballstarken und 1,91 großen Abwehrrecken. Im Team von Pep Guardiola avancierte er zum Stammspieler und bildete zusammen mit Carles Puyol die Innenverteidigung des Erfolgsteams, das über Jahre Europa dominierte.

“Man muss im Fußball selbstbewusst sein, aber die Angst vor einer Niederlage gehört dazu. Man sollte immer Schmetterlinge im Bauch haben, wenn man auf den Platz kommt. Aber tief drinnen muss man sich schon wie der Sieger fühlen”, sagte Gerard Piqué einmal in einem Interview. Wie ein Sieger fühlt er sich im Moment nicht, auch wenn sein Team gewinnt. Von den 15 Partien in dieser Saison lief Piqué nur acht Mal von Anfang an auf. Seit der 3:1-Niederlage im Clásico, bei der der Katalane einen Handelfmeter verschuldete und auch sonst einen rabenschwarzen Tag erwischte, wird er von Trainer Luis Enrique gar nicht mehr berücksichtigt. Die schwache Leistung auf und neben dem Platz gibt den Kritikern reichlich Nahrung. Warum kann Piqué nur noch selten seine enormen Fähigkeiten abrufen?

Eine verbreitete Meinung ist, dass sich Piqués Karriere seit seiner Liaison mit Popsängerin Shakira auf einer kontinuierlichen Talfahrt befindet. 2010 lernten sich die beiden beim Videodreh zum WM-Song “Waka Waka” kennen und lieben. 2013 wurde Söhnchen Milan geboren, der kolumbianische Superstar ist mit dem zweiten Kind schwanger. Piqués Prioritäten hätten sich seitdem geändert, schimpfen viele Fans. Er konzentriere sich mehr auf seine Auftritte im Rampenlicht als auf seine Vorstellungen auf dem Rasen.

Fakt ist, dass Piqué vor allem in dieser Saison zertreut wirkt. Dazu passen Bilder, die den Innenverteidiger auf Barcelonas Bank zeigen. Anstatt sich das Spiel seiner Kollegen anzuschauen, blickt er ununterbrochen auf sein Handy. Das macht keinen guten Eindruck. Nicht bei den Fans, auch nicht bei seinem Trainer, Luis Enrique. Der reagierte. Bei der Partie gegen Almería ließ er seinen Schützling weiter warmmachen, obwohl er sein Auswechselkontingent bereits ausgeschöpft hatte. Schikane? Denkzettel? Trainer und Spieler bestreiten, dass ihre Beziehung unter Spannungen leidet.

Piqués schwächelnde Leistungen allein an seinem Privatleben festzumachen, wäre sicherlich zu einfach. Eine wichtige Rolle dürfte auch das Karriereende seines Freundes und Mannschaftskollegen Carles Puyol spielen. In einem bewegenden öffentlichen Brief verabschiedete sich Piqué von seiner Stütze im Team: “An deiner Seite fühlte ich mich immer sicher. Ich wusste, selbst wenn ich mal einen Fehler mache, dann ist da einer, der mich und die Mannschaft rettet. Du bist mein Schutzengel. Wenn ich an all das denke, dann vermisse ich schon jetzt unsere Gespräche in der Kabine, deine Ratschläge und vor allem unsere gemeinsam ausgetragenen Kämpfe auf dem Spielfeld. Du bist einzigartig.” Der Schutzengel fehlt, und Piqué wirkt zeitweise verloren und überfordert.

Aufgrund seiner Situation wurde bereits hinreichend über einen Wechsel des 27-Jährigen spekuliert. Chelsea, ManU und City haben Interesse bekundet. In Barcelona wurde Piqué mit Pep Guardiola gesichtet, was wiederum Gerüchte anheizte, auch Bayern München habe die Fühler ausgestreckt. Doch Piqué hat betont, dass er bei Barcelona bleiben und sich in die Stammelf zurückkämpfen will. Passend dazu sagte er einmal: “Ich bin bis über beide Ohren in den FC Barcelona verliebt. Schon als kleiner Junge bin ich ins Camp Nou gegangen und bin mit der Liebe zu diesem Verein aufgewachsen. Ich verdanke Barca alles.” Seinen Vertrag hat er erst in diesem Frühjahr vorzeitig verlängert. Wir sind also gespannt, wohin Gerard Piqués Weg führen wird.

Foto: picture alliance/Siu Pong Wu Lau

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


4 − = drei

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>