Schaltet den Nörgler aus!

Public Viewing

Schaltet den Nörgler aus!

16.06.2014 | 12:45 | Natalia

Endlich ist es so weit. Heute geht die WM für unsere Jungs mit dem ersten Gruppenspiel gegen Portugal so richtig los. Überall in der Republik werden sich dank des jetzt schon weltmeisterlichen Wetters und der perfekten Anstoßzeiten wieder Hunderttausende Menschen zum Public Viewing versammeln. Die Erwartungshaltung nach einem Vierteljahrhundert ohne Titel scheint klar formuliert …

Und genau da liegt die Gefahr für das erhoffte Partyfeeling beim Eröffnungsspiel. Nicht dass es etwas Besonderes wäre, wenn deutsche Mannschaften vorsichtig ins Turnier starten und nicht gleich von der ersten Minute an Hurra-Fußball spielen. Das darf wohl angesichts der Stärke der Portugiesen, die aktuell Nummer vier der FIFA-Weltrangliste sind, in besonderem Maße gelten. Dennoch wird es nach einigen taktisch sinnvollen Quer- und Rückpässen der DFB-Elf nicht lange dauern, bis die ersten Pfiffe und Schmährufe „gestandener Fans“ in eurer Umgebung zu hören sind. Typischerweise werden diese begleitet von längeren Monologen des Typs „Früher war alles besser“. Dem gilt es so schnell wie möglich entgegenzutreten! Streckt die Waffen und schaltet den Nörgler aus!

Selbst Angehörige der „Schland“-Generation, deren persönliche Erinnerungen an Fußballweltmeisterschaften über das Sommermärchen 2006 und die WM 2010 in Südafrika nicht hinausreichen (der Einwand wird kommen!), können vom klassischen Nörgler ernstgenommen werden, indem sie ihn an wenig glorreiche Spiele in der Vergangenheit erinnern:

• Die Schmach von Córdoba

Während der WM 1978 in Argentinien unterlag die DFB-Elf in der Zwischenrunde als amtierender Weltmeister Österreich mit 2:3. Das entscheidende Tor schoss seinerzeit Hans Krankl, der damit in der Alpenrepublik unsterblich wurde. Legendär ist auch die spektakuläre Radio-Übertragung des Österreichischen Rundfunks durch Edi Finger
(„I wer’ narrisch“).

• Der „Nichtangriffspakt von Gijón“

Vier Jahre später trafen beide Teams erneut aufeinander. Bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien spielten Deutschland und Österreich am Ende der Vorrunde gegeneinander. Schon kurz nach Spielbeginn war mit dem 1:0 für die DFB-Auswahl ein Spielstand erreicht, bei dem beide Mannschaften sicher weiterkommen würden. In der Folgezeit riskierte kein Team mehr ernstzunehmende Vorstöße und es entwickelte sich ein rein defensives Spiel, das als „Nichtangriffspakt von Gijón“ berühmt geworden ist.

Sollten diese Hinweise den Nörgler nicht schon verstummen lassen und er sich stattdessen in eine überzogene Lobhudelei der 1974er Weltmeister um „Kaiser“ Franz Beckenbauer flüchten, haltet ihm einfach die 0:1-Pleite gegen die Mannschaft der DDR in der Vorrunde des Turniers und den Namen Jürgen Sparwasser entgegen. Letzterer hat den Siegtreffer für die ostdeutsche Mannschaft erzielt und dem „Klassenfeind“ BRD auf deren eigenem Boden im Hamburger Volksparkstadion eine schmerzliche Niederlage zugefügt. Vielleicht der entscheidende Weckruf, denn das Team kriegte die Kurve und am Ende sogar die Trophäe.

Wenn das immer noch nicht reicht, weil ihr auf einen besonders schlimmen Miesepeter getroffen seid, nehmt ihm auch sein letztes gedankliches Refugium. Setzt den Helden der Italien-WM 1990 aktuelle Nationalspieler entgegen. Selbstverständlich war der Weltmeister-Kapitän Lothar „Loddar“ Mattäus ein ganz Großer. Doch erinnern wir uns an die Worte des Co-Trainers der Bayern, Hermann Gerland: “Außer Torwart kann Philipp alles spielen”. 1:0 für Lahm in Sachen Vielseitigkeit. Den Weltklassestürmern von damals, Rudi „Tante Käthe“ Völler und Jürgen „Klinsi“ Klinsmann, steht mit Miroslav Klose immerhin der seit letzter Woche alleinige Rekordtorschütze des DFB gegenüber. Auch “hinten“ muss die aktuelle Elf den Vergleich nicht scheuen. Klar kochte Guido „Diego“ Buchwald im Finale 1990 keinen Geringeren als Maradona ab, aber Mats Hummels gewann bei der EM 2012 gegen Portugal fast alle Zweikämpfe und ist trotz immenser Abwehrstärke regelmäßig unter den Spielern mit den wenigsten Fouls zu finden.

Derart bewaffnet dürftet ihr auch den hartnäckigsten Berufspessimisten zum Schweigen bringen und euch auf das Wesentliche konzentrieren können. Und während der Nörgler nach dem Spiel unabhängig vom Ergebnis entnervt nach Hause geht, fängt für uns alle die Party erst richtig an. Olé, olé, olé olé …

Autor: Markus Rauber

Bilder: Getty Images (David Cannon; Claudio Villa)

2 Antworten zum Thema “Schaltet den Nörgler aus!

  1. Nörgler sagt:

    Was “Pubic Viewing” (in der Headline) vorgibt zu sein, entspricht nicht dem Inhalt des Artikels.
    pubic (engl.): Scham…
    Hier könnte der geneigte Leser denken, er bekäme rasierte oder unrasierte Genitalbereich zu sehen.
    Hat der Lektor gepennt, oder sich nur eins ins Fäustchen gelacht?

    1. Natalia sagt:

      Hallo Nörgler,
      danke für den Hinweis. Wir haben erst gepennt und uns nun ins Fäustchen gelacht. :)

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