“Die Mannschaft”

Filmkritik

“Die Mannschaft”

13.11.2014 | 10:30 | Annette

„Die Mannschaft“. Da hat es sich jemand aber ziemlich einfach gemacht. Ok, „Sommermärchen“ war schon vergeben, genauso wie das in diesem Fall etwas abwegige „Projekt Gold“, was die Auswahl schon mal extrem eingeschränkt hat. Aber wäre etwas mehr Kreativität bei der Betitelung dieses filmischen WM-Denkmals nicht wünschenswert gewesen? Die Antwort ist: Nein. Denn „Die Mannschaft“, so simpel und nüchtern es auch klingt, passt zu dieser Doku wie Arsch auf Eimer. Genau das waren Philipp Lahm & Co. während der rund acht Wochen vom Beginn des Trainingslagers in Südtirol bis zum Finale in Rio: eine Mannschaft. Als solche haben sie Teams mit namhaften Einzelkönnern wie Ronaldo und Messi geschlagen, ohne selbst einen solchen in ihren Reihen zu wissen. Und weil es diesen einen ganz offensichtlich nicht gebraucht hat und ohnehin die ganze Welt vom vorbildlichen Teamgeist unserer Jungs während des Turniers schwärmt, kann man den Film doch auch einfach mal so nennen.

Abnicken lässt sich auch die Wahl der Einstiegsszene. Los geht es nicht etwa mit Mario Götzes Siegtor im Finale gegen Argentinien oder den jubelnden Spielern nach der Rückkehr aus Brasilien auf der Berliner Fanmeile, sondern mit einem stolpernden Thomas Müller bei der misslungenen Freistoßvariante im Achtelfinale. Damals ein Grund zu Häme und Schadenfreude bei Gegner, Publikum und Presse und vom Protagonisten Müller nach dem Spiel lediglich mit einem Augenzwinkern als Absicht bezeichnet, belegen parallel laufende Bilder aus dem Training nun eindeutig, dass es sich tatsächlich um einen einstudierten Trick handelte, der leider kläglich in die Hose ging. Ein solcher Moment macht dem Zuschauer gleich zu Beginn klar, dass der Weg zum Titel kein leichter war (was 2006 stimmte, passt auch 2014, oder Xavier?) und so mancher Rückschlag überwunden werden musste. Das gilt insbesondere für die Partie gegen das vermeintlich kleine, aber aufopfernd kämpfende Algerien, das die Deutschen an den Rand der Niederlage brachte. Ein passender Einstieg also, welcher der berechtigten Heroisierung ein wenig entgegenwirkt. Dass es danach aber mit etwas Positivem weitergehen muss, versteht sich von selbst, und das sind die sieben Tore im Halbfinale gegen Brasilien auf jeden Fall.

Gerade bei diesen Spielszenen, wenn Tore, Chancen, rote Karten und sonstige markante Ereignisse auf dem Platz gezeigt werden, hat die Dokumentation ihre stärksten Momente. Da werden nicht nur – nach mittlerweile vier Monaten langsam verblasste – Erinnerungen vor Augen geführt, sondern ganz neue Erfahrungen geschaffen. Auf der großen Leinwand, mit schmetterndem Surround-Ton und Orchesteruntermalung wirkt das Ganze nun mal um einiges intensiver als auf dem heimischen Fernseher oder der durch Sichtbehinderungen unterschiedlichster Art geprägten Public-Viewing-Leinwand. Da feuern die Spieler den Ball mit einem kraftvollen Hämmern ab, und dieser landet ebenso kraftvoll im Netz. Das hat schon was. Und auch Manuel Neuers resolutes Herausstürmen gegen Higuain im Finale, als unser Libero-Verschnitt zwar den Ball klärte, aber auch den Argentinier abräumte, kommt auf diese Weise noch wuchtiger daher. Da wundert man sich noch mehr, dass der arme Stürmer danach wieder heil aufstehen konnte.

Weniger actionreich geht es natürlich hinter den Kulissen zu, wenn die Spieler, Trainer und Betreuer vor und nach den Spielen mit der Kamera begleitet werden. Zwar lassen sich während der chronologischen Schilderung vom Trainingslager bis zum Empfang auf der Berliner Fanmeile immer wieder neue Einblicke in das surreal anmutende Dasein des Trupps im abgeschiedenen Campo Bahia erhaschen, doch diese bleiben weitgehend belanglos. Bastian Schweinsteiger mit Smartphone auf einer Liege, Jogi Löw über einem Notizblock in seinem Zimmer, Thomas Müller im Dirndl beim Frühstück – ok, letzteres ist dann doch ganz witzig und dient als Beispiel für die wohl hervorragende Stimmung, die zwischen den Beteiligten herrschte. Das unterstreicht auch die stimmlich ausbaufähige aber leidenschaftliche Gesangseinlage Christoph Kramers nach dem Auftaktsieg gegen Portugal, der während der Überfahrt mit der Fähre zum Campo Bahia Ronan Keatings „When you say nothing at all“ anstimmt und die Kollegen zum Mitsingen animiert. Solche Momente, in denen man den Spielern näher kommt, hätten es ruhig mehr sein können – gerne auch abseits anscheinend beliebter Sing- bzw. Grölversuche, die es bei den Feierlichkeiten gegen Ende erwartungsgemäß reichlich gab.

Für strahlende Augen sorgen die Bilder aber allemal, vor allem bei denjenigen Zuschauern, welche die WM und das historische Erringen des vierten Sterns hautnah miterlebt haben und sich gern daran zurückerinnern. Alle anderen – Moment, welche anderen? Jedenfalls macht sich der Film aus den genannten Gründen großartig im Kino, aber auch als Blu-ray oder DVD kann er nach Erscheinen getrost ins Regal gestellt werden – und dann bei Bedarf immer mal wieder herausgeholt werden, um sich die Ereignisse ins Gedächtnis zu rufen.

Lieben Dank an unseren Gastautor Tobias Röhring!

Foto: https://www.facebook.com/DieMannschaft.Film/photos/a.1563670293862751.1073741827.1561041587458955/1565765850319862/?type=1&theater

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