“Wir killen die Spieler!”

Überbelastung im Profifußball

“Wir killen die Spieler!”

11.11.2014 | 8:45 | Annette und Kerstin

Es ist Länderspielwoche und Marco Reus ist nicht dabei. Wieder einmal. Pures Pech oder doch die Kehrseite des Leistungssports? Von den Kickern wird einiges abverlangt. Zu viel? Die Spielerfrau hinterfragt anhand der Krankenakte des Dortmunder Offensivkünstlers die zunehmende Überbelastung im Profifußball und ihre fatalen Folgen.

Eine nüchterne Tatsache
Überbelastung erhöht das Verletzungsrisiko. Das wird nahezu jeder Sportmediziner, Trainer und Spieler bescheinigen. Definiert man diese Überbelastung als das Zusammenspiel aus einem überfüllten Spielplan, zu kurzen Regenerationsphasen, Leistungsdruck und erhöhter medialer Aufmerksamkeit, dann muss man feststellen: Insbesondere Spieler, die mit ihren Vereinen auch international vertreten sind, sind akut verletzungsgefährdet. Mats Hummels von Borussia Dortmund warnt vor zu hohen Anforderungen an die Profikicker und ist sich sicher, “dass da das Ende der Fahnenstange längst erreicht ist”.
Die Statistiken geben ihm Recht: Ein Pflichtspiel reiht sich ans vorherige, englische Wochen gehören zum Alltag, die Laufleistungen der Spieler haben sich in den letzten Jahren enorm erhöht und die Belastung auf den einzelnen Kicker – sowohl physisch als auch psychisch – nimmt zu. Die Folge? Der Körper streikt, und die Krankenabteilungen der Vereine erleben Hochkonjunktur.
Ist ein Spieler erst einmal verletzt, nimmt der Druck aber nicht ab. Stattdessen erhöht er sich weiter. Der Kicker will seinen Stammplatz nicht verlieren, weiß um seine wichtige Rolle fürs Team oder bangt um seine Nominierung für die Nationalelf. Die Tendenz zu einer Bagatellisierung der Verletzung sei im Fußballgeschäft deshalb sehr ausgeprägt, weiß der Augsburger Kniespezialist Dr. Ulrich Boenisch. Zeit bedeutet Geld, auch beim Spiel mit dem runden Leder. Zeit zur nötigen Regeneration hat heutzutage niemand mehr.
So stehen die Profis oftmals trotz Schmerzen auf dem Rasen. Die Konsequenz sind erneute Beschwerden. Und der Teufelskreis beginnt. Prof. Dr. Ingo Froböse, Leiter des “Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung” vermutet, dass jede vierte Verletzung eine wiederkehrende Beschädigung aufgrund zu schnell gesteigerter Belastung ist.

Mammutprogramm fordert prominente Opfer
Im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2014 war auffallend, wie viele Spieler verschiedener Nationen angeschlagen waren oder verletzungsbedingt für das Turnier ausfielen. Robin van Persie ließ gar vor WM-Beginn verlauten, dass er sich an kein einziges Spiel in den letzten Jahren erinnern könne, in dem er schmerzfrei gewesen sei. Alarmierend, aber angesichts des Mammutprogramms eines Profifußballers auch nicht wirklich überaschend. Die Überbelastung fordert ihre prominenten Opfer. DFB und Liga können ein Lied davon singen. Bereiteten Jogi Löw insbesondere die angeschlagenen Khedira, Schweinsteiger und Neuer unmittelbar vor WM-Beginn noch Sorgen (den “Verlust” von Reus musste man schon in der Vorbereitung hinnehmen), so beklagt der BVB in dieser Saison DAS Krankenlazarett der Liga. Angeschlagene Spieler en masse, und diese werden wieder einmal angeführt von Marco Reus. Er wird bei den Länderspielen gegen Gibraltar und Spanien nicht dabei sein. War es vor der WM der Syndesmosebandanriss, nach der WM der Außenbandanriss im Sprunggelenk, plagt ihn nun eine Bänder- und Sehnen-Zerrung sowie ein Knochenödem im linken Sprunggelenk.  Insbesondere Reus’ linker Knöchel macht immer wieder Faxen – der Überbelastung sei Dank. Mediziner, Spieler und Trainer schlagen gleichermaßern Alarm. “Bei den Spitzenspielern im Fußball sind wir schon lange über den Bereich hinaus, in dem es vertretbar ist. Die Spieler kommen relativ schnell an die Stelle, wo die Belastung nicht mehr okay ist. Wir müssen irgendwann das Rad zurückdrehen“, klagt Jürgen Klopp an, und Pep Guardiola fügt gar hinzu: “Wir killen die Spieler, wir verlangen zu viel von ihnen.”

Ein Paradoxon. Und die Perspektive?
Es erscheint paradox, dass Mediziner, Trainer und Spieler das selbe Lied anstimmen; und um die Konsequenzen der Überbelastung wissen. Die Formel ist dabei so offentsichtlich: Spieler+Überlastung=erhöhtes Verletzungsrisiko. Und dennoch: Es wird bagatellisiert. Man gönnt den Spielern nicht die Zeit, die sie so dringend bräuchten. Es wird zu wenig regeneriert, obgleich Muskeln nach einem Spiel 72 Stunden brauchen können, um sich komplett zu erholen. Zeit, die der Profifußball nicht hat. Umso wichtiger sind Sommer- und Winterpausen, in denen die Sportler tatsächlich abschalten können. Mitunter muss sich der Belastungsumpfang reduzieren, damit es auch zu weniger Verletzungen führt. Aber: Ob es diesbezüglich ein Umdenken bei FIFA und DFL gibt? Rotation mag eine Lösung sein, welche aber einzig ganz große Clubs wie der FC Bayern München mit einem ausgeglichenen Kader problemlos vollführen können. Ist am Ende wirklich ein 40-Mann-starkes Team nötig, um wettbewerbsfähig zu bleiben?
Als Fußballfan kann man nur auf ein Umdenken hoffen. Denn gerade nach der Weltmeisterschaft 2014 wissen wir doch alle, wie sehr wir es insbesondere Marco Reus wünschen, bei der EM 2016 zu brillieren, ebenso wie bei der WM 2018. Sonst finden irgendwann große Turniere ohne die großen Namen statt. Das kann und darf nicht das Ziel sein.

 

Foto: picture alliance / GES-Sportfoto

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