Stimmungsbild: Brasilien vor der WM

WM 2014

Stimmungsbild: Brasilien vor der WM

11.06.2014 | 4:34 | Kerstin

Manaus ist die Stadt im Norden Brasiliens, inmitten des Dschungels. Hier findet unter anderem die Partie USA vs. Portugal (deutsche Gruppe!) statt. Spannend wird das allein schon wegen der dort vorherrschenden tropischen Hitze und Schwüle. Da bedeutet das bloße Zuschauen um 12 Uhr mittags schon Anstrengung. Wie wird es dann wohl erst den Spielern ergehen? Das werden wir während der WM beobachten können. Was wir jetzt schon verraten können, ist, wie sich die Bevölkerung hier zum anstehenden Turnier positioniert. In Manaus setzte die Spielerfrau die Serie „Brasilien vor der WM“ fort und traf Julia Manoela Marques, Leiterin eines Süßwarenhandels.

„Hier habt ihr eine Person mit einem sehr kritischen Blick auf die Weltmeisterschaft, die sich aber trotz allem auf das Turnier freut.“ Julia lacht, als sie unsere erste Frage nach ihrer Einstellung zur WM im eigenen Land beantwortet. Sofort kristallisiert sich heraus, dass die 33-Jährige diesem Großereignis zwiespältig entgegensieht. Alle vier Jahre packt Julia das Fußballfieber und sie wird zum Fan. Die Idee einer WM im eigenen Land mag sie: „Für Fans muss so ein Heimspiel einfach ein absoluter atmosphärischer Höhepunkt sein.“ Vorfreude inbegriffen.
Ihre Kritik schiebt sie aber direkt hinterher. Diese gilt der allgemeinen Problematik von Großprojekten in ihrem Heimatland. Wir fühlen uns direkt an Mauro erinnert, der uns im ersten Teil dieser Serie schon Ähnliches erzählte. Die Preisexplosion bei solchen Projekten sieht Julia als besonders schwierig an: „Da kommt es schon einmal zu extremen Vervielfachungen.“ Warum das gerade in Brasilien zu Problemen führt? “Sieht man, wie sein eigenes Land in der Lage zu sein scheint, solche Summen für ein Großprojekt zu stemmen, kommt natürlich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit auf. Angesichts innenpolitischer Probleme und einer in Teilen der Bevölkerung manifestierten Unzufriedenheit ist dies kein Wunder. Die Unzufriedenheit mit der Infrastruktur, dem Gesundheitssystem, der Arbeitsmarktsituation, dem Bildungssystem und dem Konflikt zwischen Arm und Reich treten da immer stärker hervor.” Dass es im Zuge dessen zu Protestaktionen kommt, ist für Julia also auch kein Wunder. Das Traurige dabei ist für sie, dass sie ihr Land in der Lage sieht, beides zu managen – innenpolitische Probleme anzugehen und ein Großereignis wie die WM auszutragen. Aber was ersteres angehe,  passiere zu wenig.

Die Beweggründe der Demonstranten kann sie durchaus nachvollziehen, dennoch mangle es diesen an einem klar definierten und vor allem gemeinsamen Ziel. Und: „Andauernde Demonstration während der WM halte ich für nicht angebracht. Die ausländischen Besucher, die sich auf ein Fußball-Großereignis freuen und extra nach Brasilien reisen, sollen nicht unter der innenpolitischen Situation leiden.“

Zwiespalt ja. Trotzdem wird Julia selbst alle Spiele in Manaus besuchen. „Wann werde ich noch einmal eine WM im eigenen Land erleben?“ Weil ihre Familie portugiesische Vorfahren hat, freut sie sich besonders auf die Partie Portugal gegen die USA. Und auf Cristiano Ronaldo. Ihre Prognose für den Ausgang der Weltmeisterschaft? „Natürlich Brasilien! Wir werden im Finale Deutschland besiegen (lacht).“

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