Transferpolitik = Menschenhandel?

Kommentar

Transferpolitik = Menschenhandel?

09.12.2014 | 10:04 | Annette

„Ich fühle mich manchmal wie in einem modernen Menschenhandel. Doch am Ende entscheide immer noch ich.“ Mit dieser Aussage sorgte „Mr. Gehirnerschütterung“ Christoph Kramer im Sommer für großes Aufsehen. Er reagierte damit auf ein Statement von Bayer-Sportdirektor Rudi Völler, in dem dieser versicherte, dass der an Borussia Mönchengladbach ausgeliehene Kramer nach der laufenden Spielzeit auf jeden Fall nach Leverkusen zurückkehren werde. Der Weltmeister fühlte sich übergangen und stellte trotzig klar: „Wenn ich irgendwo nicht spielen möchte, spiele ich da nicht. Da kann ein Vertrag aussehen, wie er will“. Die Meinungsverschiedenheit zwischen Völler und Kramer führte zu hitzigen Diskussionen. Und zur zugegeben nicht neuen Frage: Ist Transferpolitik tatsächlich mit Menschenhandel vergleichbar?

Menschenhandel ist ein großes Wort. Und ein schweres Vergehen. Es bedeutet den Kauf und Verkauf von Menschen, die ihres freien Willens beraubt, ausgebeutet und wie Ware behandelt werden. Kramer erntete deshalb heftige Kritik für seine Wortwahl, schließlich hat er freiwillig den Vertrag bei der Werkself unterschrieben, der Ausleihe nach Gladbach mit all seinen Bedingungen zugestimmt und verdient daran nicht schlecht. Jeder Arbeitgeber ist an seinen Vertrag und die Kündigungsfrist gebunden. Nur weil er keine Lust mehr verspürt, in einer Firma zu arbeiten, kann er nicht einfach zu Hause bleiben. Dennoch: Die Aussage Kramers gewährt einen Einblick in die Gefühlswelt eines Fußballers, der es aufgrund seiner außerordentlichen, sportlichen Fähigkeiten nach ganz oben geschafft hat, dort aber zum Spielball in einem knallharten Geschäft wird. Welche Wünsche ein Kicker wirklich hegt, gerät dabei oftmals in den Hintergrund und wird von wirtschaftlichen Gesichtspunkten und äußerer Einflussnahme geprägt.

Manchester United hat zum Beispiel einen Fünfjährigen verpflichtet, der eigentlich Anhänger vom Stadtrivalen City war. Der Vater musste dem Kleinen erst einmal erklären, dass er in Zukunft für die Red Devils auflaufen wird. Der FC Barcelona lockte dagegen den neunjährigen Zico Marecaldi aus Schweden nach Spanien. Diese Entscheidungen trafen sicherlich nicht die Talente selbst, dafür sind sie noch viel zu jung. Sie wissen noch gar nicht, was sie wollen. Doch schon früh geraten sie in die Mühlen der Fußballindustrie. Und das Rad dreht sich weiter. Es gibt heutzutage fast keinen U16-Nationalspieler mehr, der keinen Berater besitzt. Und der Ruf dieser Spezies ist bescheiden. Corny Littmann, Ex-Präsident des FC St. Pauli, verglich die Berufsgruppe gar mit Dealern. Er betonte, dass die meisten Spielervermittler ihre eigenen Interessen in den Vordergrund rückten. Sprich: Es geht um Gewinnmaximierung, es geht um das große Geld.

Besonders bitter wird dies, wenn der Berater des Spielers aus dem engsten Familienkreis stammt. Bestes Beispiel dafür ist Mesut Özil, dessen Vater Mustafa von 2011 bis 2013 für ihn tätig war. Mustafa Özil gilt als harter Vertreter seiner Branche und hat seinem Schützling einen Mega-Deal mit adidas ausgehandelt. Welche Rolle er allerdings 2013 bei Özils Wechsel von Real Madrid zu Arsenal London spielte, ist umstritten. Wollte Mesut Özil eigentlich gar nicht wechseln? Spekuliert wird, dass Mustafa mit den Real-Verantwortlichen um eine Verdopplung des Gehalts feilschte und Druck auf seinen Sohnemann ausübte. Der französische Spielervermittler Francois Gallardo gab darüber hinaus sogar an zu wissen, dass Özil ein Angebot von Manchester United vorlag, das für Mesut deutlich bessere Konditionen beinhaltete als der Arsenal-Kontrakt, für Mustafa jedoch weniger Prämien herausgesprungen wären. „Am Ende entscheide immer noch ich“, sagte Christoph Kramer. Auch Mesut Özil hat schließlich selbst Nägel mit Köpfen gemacht und den Vertrag bei Arsenal unterschrieben. Ob es nun sein Wille war oder doch der seines Vaters, lässt sich nur schwer differenzieren. Dass Mesut Özil aber direkt nach diesem Transfer seinen Vater als Berater feuerte, lässt vermuten, dass er womöglich mit dessen Handeln nicht zufrieden war. In diesem Jahr wurde Özil von Mustafa gar auf ausstehende Zahlungen verklagt. Die Dollarzeichen machen auch vor Familien nicht halt.

Erst kürzlich schrieb der „Spiegel“ über eine Vereinbarung zwischen Borussia Dortmund und Bayern München. Im Mittelpunkt standen dabei die Spieler Lewandowski und Reus. Angeblich wollte der BVB Robert Lewandowski im Winter 2013/2014 an Real Madrid verkaufen, um noch Geld für den Ausnahme-Stürmer zu erhalten und ihn gleichzeitig im Sommer nicht ablösefrei an den Ligakonkurrenten Bayern München zu verlieren, mit dem sich der Pole bereits geeinigt hatte. Hans-Joachim Watzke und Karl-Heinz Rummenigge sollen also laut dem Zeitungsartikel ausgehandelt haben, dass Lewandowski nicht nach Spanien verkauft wird, und im Gegenzug die Münchner von einer späteren Verpflichtung von Marco Reus absehen. Das Problem – sollte der Bericht stimmen? Einen Marco Reus hat man bei dieser Entscheidung einfach mal übergangen. Und er hätte folglich nicht mehr die Möglichkeit, seine Karriere selbst zu lenken. Eine Karriere, für die ein Wechsel zu den Bayern sicherlich irgendwann ein logischer Schritt gewesen wäre.

Das ist nicht unbedingt Menschenhandel, aber es hat „ein Geschmäckle“, wie man in Schwaben zu sagen pflegt. Und es zeigt sich einmal mehr: Im Fußball wird mit harten Bandagen gekämpft. Doch am Ende profitieren alle davon. Auch die Kicker. Denn sie spielen das Spiel mit. Sie verdienen Millionen. Sie setzen ihre Berater ein, die für sie das Bestmögliche aus den Verhandlungen herausholen sollen. Sie sind es damit auch, die ihre Entscheidungskraft in gewisser Weise eindämmen und sich bewusst (ver)leiten lassen. Mitleid ist deshalb sicherlich fehl am Platz, ja. Aber diese Entwicklung und diese Transferpolitik gutheißen? Ganz klares „Nein“. Denn eines sollte nicht vergessen werden: Es geht hier immer noch um Menschen.

Foto: www.twitter.com/woodyinho/media

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