Die Last einer ganzen Nation

Brasilien unter Schock

Die Last einer ganzen Nation

09.07.2014 | 2:27 | Annette

Wenn einer mit den Brasilianern mitfühlen kann, dann sind es wir Deutschen. Bei der Heim-WM 2006 schieden wir auch im Halbfinale aus, die Enttäuschung war überall im Land spürbar. Den Brasilianern ging es gestern genauso. Doch wenn man die Seleção so ansieht, dann muss man feststellen: Der Rucksack, den die Kicker trugen, war einfach zu groß. Mit Fußball können die Probleme im Land nicht gelöst werden.

FBL-WC-2014-MATCH61-BRA-GERDas Ziel war klar formuliert: Nichts weniger als der Titel sollte es sein für die brasilianische Nationalelf. Die Erwartungen waren übermenschlich – nicht zuletzt nach dem Triumph im Confed-Cup 2013 gegen Spanien. Euphorie. Zuversicht. Noch höhere Ansprüche. Die Seleção war auch bei der WM zum Siegen verdammt, der Druck immens. Doch eben seit jenem Confed-Cup zentrierte sich diese Last nicht nur aufs Sportliche. Massendemos erschütterten das Land. Die Demonstranten setzten sich gegen Korruption und Misswirtschaft zur Wehr und nutzten das bevorstehende Großereignis als Ventil. Ein wichtiger Punkt der Protestler: die hohen Kosten des Turniers, während gleichzeitig Millionen von Brasilianern in Armut leben. Die Nationalspieler solidarisierten sich mit den Demonstranten, zeigten Verständnis und wollten den Titel holen. Nicht für sich, sondern für ihr Land. Und für die sozial Benachteiligten.

Die Mannschaft marschierte mit den Händen auf den Schultern des Vordermannes auf den Rasen, obwohl diese nichts mehr tragen konnten. Sie brüllten die Nationalhymne mit den Fans in den Himmel hinaus, obwohl sie die Emotionen bereits vor dem Spiel übermannten. Tränen flossen, bevor der Schiri die Partie überhaupt anpfiff. Ein gefährlicher Balanceakt. Eine Mission, die zum Scheitern verurteilt war.

FBL-WC-2014-MATCH61-BRA-GERNach dem 1:0 der deutschen Nationalelf brach das Team auseinander. Sie waren mental nicht in der Lage zu reagieren. Die aufgebauschte Emotionalität stürzte ein. Ohne Boden. Ohne Auffangnetz. Sie wollten die Schmach von 1950 tilgen. Sie wollten für Neymar spielen. Und für Thiago Silva. Sie wollten für die Demonstranten den Titel gewinnen, um das Turnier in Brasilien zu rechtfertigen. Und sie vergaßen dabei, dass es sich noch immer “nur” um Fußball handelt. Um den Spaß am Spiel. Um 22 Kicker und einen Ball. Nicht mehr, nicht weniger.

Die Bilder der brasilianischen Nationalelf nach der Partie machten traurig. Oscar konnte sich nicht mehr beruhigen. David Luiz war untröstlich. Júlio César entschuldigte sich gar beim brasilianischen Volk. Für was? Die Seleção hat alles gegeben, doch die Last hat sie erdrückt. Die Brasilianer haben eine gute Mannschaft. Hoffentlich finden deren Protagonisten bald wieder zur Leichtigkeit und Unbeschwertheit vergangener Zeiten zurück.

Fotocredits: Getty Images Sport – Buda Mendes / AFP - PEDRO UGARTE / AFP – ODD ANDERSEN

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