Die Klaviatur der Männer

Porträt

Die Klaviatur der Männer

09.05.2014 | 1:03 | Natalia

Ganz falsche Frage. Die Antwort fällt knapp und herzlos aus, die Lippen werden schmaler. Schnell ist klar: Das wird nichts mehr. So oder so ähnlich kann man sich Interviews mit der Ex-Nationaltorhüterin Katja Kraus beliebig oft anschauen. Sie bergen offenbar gewisse Risiken. Die Frau ist ein Medienprofi. Einmal kurz den FFC Frankfurt mit dem FSV verwechselt, die Fragen zu schwammig gestellt, und schon ist das Gespräch im Keller angelangt. Soweit die Theorie. Doch als wir die vermeintlich Gnadenlose zum Interview treffen, kommt alles ganz anders.

Wie ein Sommerwind kommt Katja Kraus in das Hamburger Szenecafé geweht. Mit ihrem weißen Kleid setzt sie sich anstandslos auf das deutlich mitgenommene Sofa und verdeckt so den riesigen, eingetrockneten Fleck, der auf den Bildern ohnehin gestört hätte. Die heute 43-Jährige hat nach einer ansehnlichen aktiven Laufbahn, ihren Funktionen als Pressesprecherin der Frankfurter Eintracht und Vorstandmitglied des HSV jenem Sport, den sie wie keinen anderen liebt, den Rücken gekehrt. Wie konnte es so weit kommen?

Fußballschuhe statt Tutu

Angefangen hat alles beim FFC Frankfurt. Dort stand die gebürtige Offenbacherin im Tor und wurde mit ihrem Team drei Mal Deutsche Meisterin, vier Mal Pokalsiegerin und mit der Nationalmannschaft sogar Vize-Weltmeisterin. Ihre Eltern hätten sie lieber beim Ballett gesehen, denn „damals war Frauenfußball kein Sport, den sich Eltern für ihre Töchter wünschten“, doch Katja Kraus hatte längst Feuer gefangen für den Fußball. Kein Grund zur Sorge für die Familie, denn die Tochter war sich stets der Tatsache bewusst, dass nach der aktiven Karriere etwas anderes kommen muss.
Als man ihr die Position der Pressesprecherin bei der Frankfurter Eintracht anbot, musste sie nicht lange überlegen. „Damals waren die Strukturen so wenig gefestigt, dass ich eigentlich alles machen konnte. Und auch machen durfte“, erinnert sie sich. „Ich habe sozusagen am lebenden Patienten gelernt. Das war großartig.“

 

Happy Birthday! Katja Kraus gratuliert HSV-Urgestein Uwe Seeler zum 70.

Happy Birthday! Katja Kraus gratuliert HSV-Urgestein Uwe Seeler zum 70.

 

Die erste Frau im Vorstand eines Bundesliga-Vereins

Aber es kam eben dieses Angebot vom HSV. Mit der Berufung in den Vorstand ging 2003 zunächst das denkbar höchste, wenn auch niemals definierte berufliche Ziel in Erfüllung. Kraus war übrigens die erste Frau in Deutschland, die jemals ein solches Amt bekleidete. Mit den Verantwortungsbereichen Marketing und Kommunikation warteten große Aufgaben auf sie, denn zu dieser Zeit lag das Image des HSV brach. In den darauffolgenden Jahren gelang es der resoluten Ex-Torhüterin im Team mit ihren Vorstandskollegen nicht nur, mit der Verpflichtung van der Vaarts 2005 den Grundstein für eine neue, attraktivere Besetzung der Mannschaft zu legen, sondern auch den Club wieder zu einem festen Bestandteil des Hamburger Lebens avancieren zu lassen. Marketing: eine glatte Eins mit Sternchen.

Eine WM in Qatar? Nein, danke!

Dass sie beim HSV viel bewegen konnte, ist Katja Kraus bewusst. Aktuelle Entwicklungen im Verein will sie sich allerdings hüten zu kommentieren. Aber zu aktuellen Themen rund um den Fußball vertritt sie eindeutige Standpunkte und macht daraus auch kein Geheimnis. Eine WM in Qatar hätte Kraus nicht spielen wollen: „Der Fußball gehört dahin, wo es eine veritable Fußballbegeisterung gibt.“ Bei allem Profitbewusstein, das auch sie für einen zwangsläufigen Teil des Geschäftes hält, plädiert sie außerdem für einen menschlicheren Umgang mit Spielern. Auch mit solchen, die jährlich Millionen verdienen: „Wenn sich ein Spieler aus Madrid zur Nationalmannschaft verabschiedet und er dort erfährt, dass sein Leben nach der Länderspielreise nicht mehr in Madrid, sondern in London stattfindet, da wird es dann doch absurd.”
Löbliche Einstellung. Aber was ist denn nun mit dem HSV? So ganz kann sie sich ein Statement dann doch nicht verkneifen: „Die Vereinsstruktur hin zu einer Gesellschaft zu verändern ist uns damals nicht gelungen, und das ist sicher etwas, was dringend notwendig ist. Bei allem Bedürfnis an demokratische Prozesse muss es dann doch irgendwann mal schlankere Entscheidungsstrukturen geben, sonst ist ein Club nicht mehr wettbewerbsfähig.“

Schwarze Stunden für Frau Hundert Prozent

Leider haben diese Meinung nicht alle Verantwortungsträger geteilt. So geriet denn die Uneinigkeit über den Vereinsaufbau zu einem Stein des Anstoßes, der letzten Endes dazu führte, dass Katja Kraus mit Teilen des Aufsichtsrates im Konflikt lag. Ihr Vertrag sollte nicht verlängert werden und wurde im März 2011 einvernehmlich und frühzeitig aufgelöst. Eine schwarze Stunde für die Frau, die immer 100 Prozent will. Manch einer fällt nach einem solchen plötzlichen Machtschwund in ein tiefes Loch. So auch die taffe Katja Kraus. Doch sie profitierte von ihrem Frau-Sein und dem Bedürfnis nach Verarbeitung des Geschehenen. Über Monate traf sie sich mit Menschen aus dem öffentlichen Leben, denen Ähnliches widerfahren war, und schrieb deren Geschichten auf.

 

"Kein Enthüllungsbuch". Katja Kraus beim Signieren ihres ersten Werkes

“Kein Enthüllungsbuch”. Katja Kraus beim Signieren ihres ersten Werkes

„Macht. Geschichten von Erfolg und Scheitern“ heißt jenes Buch, welches im März 2013 nach intensiven Gesprächen mit Sven Hannawald, Hera Lind, Roland Koch und anderen bekannten Personen aus dem öffentlichen Leben erschien. Es ist kein Enthüllungsbuch geworden. „Ich habe eine hohe Loyalität zu meinen Gesprächspartnern“, gibt Kraus zu verstehen. So waren denn auch für ihr zweites Buch, das gerade in Arbeit ist, wieder zahlreiche Personen bereit, mit ihr zu sprechen. Inhalt? – Geheim.
Das Schreiben ist übrigens das erste Gebiet, auf dem Katja Kraus sich nicht in absoluten Männerdomänen durchsetzen muss. Man könnte das für erholsam halten. Aber dort, wo Katja Kraus heute neben dem Autorinnendasein ihre Brötchen verdient, ist sie mal wieder vom vermeintlich stärkeren Geschlecht umgeben. Manager Raphael Brinkert und Ex-Fußballprofi Christoph Metzelder sind ihre Partner in der im Juli 2013 gegründeten Sportmarketing-Agentur JvM/Sports, eine Tochter der Hamburger Agenturgruppe Jung von Matt. Da ist er ja auch wieder, der Fußballbezug.

“Ich mag die Augen von Pep Guardiola”

Zwischen all diesen dominanten Männern ist Katja Kraus hartnäckig Frau geblieben. “Ich habe nie versucht, die Klaviatur der Männer zu spielen”, verrät sie. An Pep Guardiola findet sie neben seiner Kompetenz als Trainer auch die Augen toll, und die Beatles mag sie lieber als die Rolling Stones, weil sich Beatles-Songs einfach besser am Lagerfeuer singen lassen. Der Gedanke daran weckt Erinnerungen an Fußballerinnenzeiten und lässt ihr ein nostalgisches Lächeln über das Gesicht huschen. Wenn man sie so erlebt, diese ehrgeizige Powerfrau mit der leisen Stimme, dann drängt sich der Eindruck auf: Der Fußball hat sie stark gemacht. Und sie hat sich für den Fußball stark gemacht. Rückkehr ausgeschlossen? Wir wollen es nicht glauben. Und warten ab.

Bei unserem Interview in Hamburg ...

Bei unserem Interview in Hamburg …

... erleben wir eine lockere Katja Kraus.

… erleben wir eine lockere Katja Kraus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: Yannic Pöpperling / privat

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