Gegen Schottland: 3 Punkte und ein Schock

EM-Qualifikation

Gegen Schottland: 3 Punkte und ein Schock

08.09.2014 | 1:39 | Natalia

Knappe zwei Monate nach dem gewonnenen WM-Finale geht es für unsere Nationalelf schon wieder um die Wurst. EM-Qualifikation steht auf dem Plan. Eigentlich geht es eher ums Würstchen, denn so immens ist die Aufgabe entgegen aller Behauptungen des Bundestrainers nun wirklich nicht: In unserer Gruppe D befinden sich neben dem gestrigen Gegner Schottland außerdem noch Georgien, Gibraltar, Polen und Irland. Machbar. Dass allerdings nicht alle Gegner in Ehrfurcht erstarren werden, haben wir gestern Abend gesehen. Unser Rückblick auf das Match Deutschland gegen Schottland:

 

Keine Blöße bei den Schotten
Nein, das kann man nun wirklich nicht behaupten. Die Schotten haben sich keine Blöße gegeben. Die Mannschaft, die noch vor zehn Jahren unter Berti Vogts’ Regie gestanden hatte, verteidigte mit Herzblut und zeigte sich nach vorne zwar eher selten, dafür aber äußerst gefährlich. Allen voran sind Steven Naismith vom FC Everton und Ikechi Anya vom Watford F.C. zu nennen, die unermüdlich rackerten und sich nicht zu schade waren, immer wieder enorme Strecken von ihrer tief stehenden Mannschaft bis zum deutschen Tor zurückzulegen.
Den goldenen Idiotenhügel hat sich in diesem Spiel allerdings auch ein Schotte redlich verdient. Verteidiger Charlie Mulgrew, der nach einem Foul gegen Marco Reus bereits Gelb gesehen hatte, spielte den Ball nach einem abgepfiffenen Angriff weiter und bekam dafür die (umstrittene) gelb-rote Quittung. Sein Fehlen fiel zwar nicht mehr ins Gewicht, weil die Partie ohnehin wenige Minuten später beendet war, aber seine Sperre für das Spiel gegen Georgien am 11. Oktober dürfte schmerzen.

Hurra, es müllert wieder!
Da war er wieder. Thomas Müller, der sich immer wieder Kommentare über seinen schmächtigen Körper und seine muskelfreien Beine gefallen lassen muss. Gomez war nicht aufgestellt, Götze kam nicht zum Schuss. Wieder einmal war es Müller, der die Nerven und die Übersicht behielt und den deutschen Sieg eintütete. In der 18. Minute, nach zwei vergeblichen Anläufen, versenkte er den Ball nach einer Ecke per Kopf im gegnerischen Kasten (“Den wollte ich dann auch reinmachen”), nach dem Ausgleich durch Anya nutzte Müller ein kurzes Wirrwarr im schottischen Strafraum und traf erneut.
Anders als der müllersche Doppelpack war die Aufstellung von Sebastian Rudy (Hoffenheim) als rechter Außenverteidiger eine faustdicke Überraschung. Der 24-jährige ist nicht nur in der Nationalelf relativ unerfahren, er hat diese Position auch im Verein noch nie gespielt. Unter diesen Umständen muss man ihm ein Lob aussprechen. In der einen oder anderen Situation fehlte ihm zwar die nötige Sicherheit, aber insgesamt machte er einen guten Job. Die bittere Pille allerdings: Großkreutz scheint für Jogi Löw absolut keine Option zu sein, selbst in Dortmund nicht.

Keine Chance für die Öffentlich-Rechtlichen
Mit Spannung wurde erwartet, wie sich RTL wohl mit der ersten Live-Übertragung eines Länderspiels der deutschen Elf anstellen würde. Im Vorfeld hatte die Stuttgarter Zeitung getitelt: “Die Privatisierung der Nationalmannschaft”. Der Sender habe 100 Millionen Euro für das Rechtepaket an den sogenannten European Qualifiers und auch der Quali zur WM 2018 auf den Tisch gelegt. Da haben ARD und ZDF nicht mithalten können, denen nun noch Testspiele und die Turnier-Endrunden bleiben.
Aber wie hat sich denn RTL nun geschlagen? Vorberichterstattung: aufgebauscht, künstlich, die Werbung zwischendrin hat es nicht attraktiver gemacht; Nachberichterstattung: schon besser; Moderator Florian König: bemüht, aber etwas steif, wenig investigative Fragen; Experte Jens Lehmann: passt, hatte bloß das Pech, seine Ausführungen zwecks Werbepausen abrupt beenden zu müssen. Lichtblick: Kommentator Marco Hagemann erntete für seinen Einsatz Lobeshymnen. Zu Recht. Hagemann kommentierte sachlich, fundiert, dem Spiel angemessen und redete nicht um des Redens Willen. Guter Mann, aber irgendwie haben wir die teils fragwürdige Wortakrobatik mancher Kollegen doch auch liebgewonnen.
Typisch RTL: Wir sehen minutenlang, wie Jogi Löw nach Abpfiff an der Studiotür verkabelt und gepudert wird, dann sitzt er endlich am Tisch und nach einer Frage wird in die Werbung geschaltet. Daumen runter.

Ein verlustreicher Arbeitssieg?
Summa summarum zeigte die deutsche Mannschaft eine solide Leistung. Aktuell springen die Jungs eben nur so hoch, wie sie springen müssen, denn die Vorbereitung war kurz und es gilt, sich seine Kräfte gut einzuteilen. Nach dem Ausgleich verhinderte Jogis Eleven, dass die aufdrehenden Schotten dem Spiel ihren Stempel aufdrücken konnten, und fuhr so einen verdienten Arbeitssieg ein.
Seit der Nachspielzeit allerdings hält Fußballdeutschland den Atem an, denn der kurz darauf von Platz gestellte Mulgrew brachte Marco Reus zu Fall, der sich direkt vor Schmerzen krümmte und sich den Knöchel hielt. Ausgerechnet links hatte es den Mittelfeldspieler wieder erwischt, ein Déjà-vu aus dem WM-Testspiel. Heute soll eine Kernspin-Tomographie zeigen, ob es sich um eine ernstere Verletzung handelt. Das wäre eine unermessliche Enttäuschung und ein herber Rückschlag für Reus, der gerade erst nach längerer Verletzungspause und verpasster WM zurückgekehrt war. Wir hoffen und wünschen das Beste!

Foto: Avanti/Ralf Poller

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