Sightjogging: Stadtführung mal anders

Sport-Tipp

Sightjogging: Stadtführung mal anders

08.08.2014 | 9:25 | Natalia

Neulich habe ich das erste Mal von Sightjogging gehört. Man joggt mit einem Guide durch eine Stadt und bekommt die wichtigsten Sehenswürdigkeiten gezeigt. Pfiffige Idee. Das will ich auch mal ausprobieren. Gesagt, getan …

Das ist TimAm Frankfurter Mainufer treffe ich Tim, einen jungen Mann mit beängstigend sportlicher Figur und diversen Tattoos. Tim war der erste Sightjogging-Anbieter in Frankfurt. Nach seinem Sportstudium kam er über das Laufen zum Triathlon und schließlich zur Königsdisziplin, dem Ironman. Da bleibt mir die Spucke weg, aber ich halte einfach mal tapfer meine Erfahrungen als Helfer bei dieser Mega-Veranstaltung dagegen. Tim kann grinsend kontern: “So hat das bei mir auch angefangen.” Gut, ich mache mir darüber erstmal keine Gedanken, Faulheit sticht.
Tim hat außerdem als Lauftrainer gearbeitet, als er Wind vom Sightjogging bekam, vermutlich aus dem hippen Berlin. Diese weitere Chance, seine Liebe zum Sport zum Beruf zumachen, hat er auch sogleich ergriffen und führt seitdem Menschen durch seine Stadt. Jetzt auch mich.

Die dunkle Seite der Stadt

Wir passieren das Museumsufer mit Filmmuseum, Städel und Postmuseum und wechseln über den Holbeinsteg die Mainseite. Das Tempo passt. Tim erklärt: “Der sportliche Aspekt soll nicht im Vordergrund stehen. Ich möchte einfach, dass die Leute Spaß haben und auch noch in der Lage sind, nach links und rechts zu schauen. Bei Gruppen richtet sich das Tempo immer nach dem Langsamsten.” Der bin in diesem Fall ich, denn sonst bleibt ja niemand übrig.
Rechts am Mainufer finden gerade Dreharbeiten statt, wir hopsen aber geradeaus in Richtung Hauptbahnhof, Kaiserstraße, Drogenviertel. Vorbei an Rotlichtetablissements, vorbei an Drückercafés. Okay, ich habe verstanden. Diese Stadt hat auch eine dunkle Seite. Aber Tim versichert mir: “Inzwischen ist das hier ziemlich friedlich, selbst nachts. Für Drogenabhängige gibt es verschiedene Anlaufstationen, dadurch ist der Grüngürtel wieder recht sicher geworden. Zuvor galt die Taunusanlage als schlimmster Umschlagsplatz.”

Eine Schleife führt uns nun an der Festhalle (Start- und Zielpunkt des Frankfurt Marathon), der Messe und dem Campus Bockenheim vorbei. Erst Drogen, dann studentische Lässigkeit – ein echtes Kontrastprogramm. Am Palmengarten geht es dann entlang, anschließend durch den Grüneburgpark.
Sag mal, Tim, kommen eigentlich hauptsächlich Touristen zum Sightjogging? “Anfangs war das so gedacht”, antwortet er (kein bisschen außer Atem, versteht sich). “Aber mittlerweile machen Einheimische fast 50 Prozent aus. Die meisten bekommen die Tour geschenkt oder wollen es einfach mal ausprobieren. Das Schöne ist, dass ich von diesen Leuten wiederum Dinge über die Stadt erfahre, die in keinem Buch stehen. Das ist dann eher ein Austausch als eine Stadtführung.” Ein Mal habe er 25 betrunkene Handballerinnen im Schlepptau gehabt, aber ansonsten gehe es recht entspannt zu.

Alte Oper Als einziges den Krieg überstanden: Haus Wertheym

 

 

 

 

 

 

Alt bedeutet in Frankfurt nicht gleich alt

Da ich wenig über Frankfurt weiß, bleibt unsere Stadtführung eine Stadtführung. Und ich lerne, dass nicht nur die Alte Oper, die wir gerade passieren, ziemlich neu ist, sondern auch die meisten der übrigen “alten” Gebäude. In den letzten Zügen des Zweiten Weltkriegs wurde Frankfurt so heftig bombardiert, dass kaum ein Stein mehr auf dem anderen blieb. Einige Bauwerke hat man nach dem Krieg rekonstruiert.
Nachdem wir uns einen Weg durch das Getümmel der Haupteinkaufsstraße “Zeil” gebahnt haben, erreichen wir zunächst die Paulskirche, wieder so ein Nachkriegsbau. Tim erzählt, dies sei das erste wieder errichtete Gebäude gewesen. Man habe damit ein Zeichen setzen wollen und habe es so eilig gehabt, dass die Kuppel aus Teilen von Flugzeugwracks geformt worden sei. Tatsache? Man lernt nie aus. Zig mal bin ich nun schon an der Paulskirche vorbeigekommen, dem ehemaligen Sitz der Nationalversammlung, aber das habe ich nicht gewusst.

Tausende eiserne Liebesschwüre

Liebesschlösser am Eisernen StegSchon bald stoßen wir wieder auf den Main und überqueren den Eisernen Steg, die berühmte Fußgängerbrücke. Auch hier hat der Liebesschlösserwahn bereits Einzug gehalten, überall hängen die bunten Treueschwüre. Der Blick auf die Skyline ist von hier aus atemberaubend. Mainhattan halt. So etwas hat keine andere Stadt in Deutschland.
Und was magst du so an Frankfurt, Tim? “Frankfurt ist eigentlich klein und trotzdem eine Großstadt. Frankfurt ist einfach unglaublich vielseitig: das urige Sachsenhausen, das zwielichtige Bahnhosfviertel, das wohlhabende Westend, das studentische Bockenheim … und zwischen diesen Kontrasten nahtlose Übergänge.” Das stimmt. Und zu meinem Erstaunen haben wir es innerhalb einer Stunde geschafft, all das zu umrunden.

Sicher kann das Sightjogging eine detaillierte Stadtführung nicht ersetzen. Schließlich sieht man alles nur von außen und ist nur kurze Zeit unterwegs. Aber man verschafft sich einen Überblick und macht währenddessen Sport, ohne es zu merken. Ganz nebenbei muss man nicht alleine laufen, sondern kann mit einem ortskundigen Laufpartner quatschen. Schöne Sache. Danke, Tim!

Das Angebot für Frankfurt findet ihr hier (Touren auch in englischer Sprache).
Hier geht’s nach Berlin. Und hier nach München.

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