Phänomentaler Weg zu Höchstleistung

Life Kinetik

Phänomentaler Weg zu Höchstleistung

04.09.2014 | 1:42 | Annette

In meiner linken Hand liegt ein roter Ball, in meiner rechten ein grüner. Meine Aufgabe besteht nun darin, die beiden Bälle gerade in die Höhe zu werfen, meine Hände zu kreuzen und die Bälle dann wieder locker aufzufangen. Mit der linken Hand den grünen, mit der rechten den roten. Ich scheitere beim ersten Versuch kläglich und werfe die Bälle überkreuz. Stefan steht neben mir und schmunzelt. Das ist nichts Neues für ihn und ich erfahre, dass es nicht nur mir so geht. Ich bin doch erleichtert. Als Stefan dann die Übung macht, sieht das schon professioneller aus. Viel professioneller!

Kein Wunder, schließlich ist Stefan, der nebenbei noch als Controller arbeitet, Coach dieser neuen lustigen Trainingsform mit dem Namen Life Kinetik. Dabei geht es darum, über körperliche Übungen das Gehirn zu trainieren. Die Übungen sind immer so konzipiert, dass sie mehrere Gehirnareale, die normalerweise nicht miteinander arbeiten, ansprechen und verbinden. Dadurch steigert sich die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, zudem wird das visuelle System gefördert. Ich merke, dass ich noch viel Arbeit vor mir habe und spreche mit Stefan über seine Anfänge mit Life Kinetik, den Nutzen im Alltag und die Zukunft der Trainingslehre im Profi-Fußball.

Wie bist du zu Life Kinetik gekommen?
Ich habe seit meiner Jugend Fußball gespielt und dann begonnen, als Spielertrainer zu arbeiten. In diesen Job bin ich mit der vielleicht auch arroganten Einstellung gegangen, dass ich ein guter Trainer werden würde. Ich habe schon seit frühester Kindheit gekickt, meine Trainerausbildung sehr gut gemeistert, warum sollte ich also kein guter Coach sein? Tatsächlich war ich sehr erfolgreich bei meiner ersten Trainerstation, aber nicht aus den Gründen, die ich vorher annahm, sondern ich habe gemerkt, dass ich die Leute irgendwie im Kopf erreicht habe. Eine Spielerfrau, die eine Ausbildung zum Mentaltrainer absolvieren wollte, kam dann auf mich zu und teilte meine Eindrücke. Auch ihr war aufgefallen, dass ich die Spieler mitziehen konnte. Gemeinsam machten wir dann diese Ausbildung. Sie war sehr interessant und hat mir viel gebracht, aber trotzdem hat mir dabei die Action gefehlt. Dann bin ich auf Life Kinetik gestoßen – eine perfekte Kombination aus Denksport und Bewegung.

Was fasziniert dich daran?
Mich fasziniert an Life Kinetik, dass es eine ganz andere Herangehensweise ist, etwas erfolgreich zu gestalten. Bei Life Kinetik geht es nicht darum, irgendetwas zu können. Ständig macht man Übungen, die man nicht beherrscht. Und man denkt: Wie stelle ich mich nur an? Doch das genau ist der Sinn der Trainingslehre. Man beschäftigt sich mit Dingen, die nicht funktionieren und wird dadurch mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert. Da die Übungen in der Gruppe gemacht werden, bietet das einen enormen Unterhaltungsfaktor. Life Kinetik macht einfach Spaß!

Gab es bei dir einen Aha-Moment, bei dem du dachtest: Ja, Life Kinetik macht mich stärker?
Mein Aha-Moment war die Ausbildungswoche. Dort habe ich fast nichts anderes getan, als Bälle vom Boden aufzuheben, weil mir nichts gelungen ist. Ab dem zweiten Tag schlug ich mich sogar mit Kreuzproblemen herum – vom falschen Bücken! Aber am Ende der Woche habe ich gemerkt, wie fit ich bin und wie aufgeräumt mein Kopf ist. Seit dieser Woche arbeite ich im Büro viel strukturierter als früher. Davor habe ich im Chaos gelebt, auf dem Schreibtisch lagen 50 lose Zettel. Jetzt ist auch nicht alles ganz akkurat, aber statt 50 Zetteln liegen nur noch 5 herum. Außerdem merke ich, dass meine Gehirnleistung gestiegen ist. Was genau da in den Zellen vor sich geht, kann man gar nicht pauschal sagen. Das unterscheidet sich bei jedem. Ich verbesserte mich auf jeden Fall im Strukturbereich. Bei anderen wirken sich die Übungen aufs Gedächtnis und die Konzentration aus. Ich hatte auch mal eine Teilnehmerin, die mir verkündete, dass sie durch Life Kinetik endlich Postkarten gerade schreiben kann.

Du bist mit deinen Kursen in Schulen, Vereinen und Unternehmen aktiv. Verwendest du verschiedene Übungen für die jeweiligen Gruppen?
Nein, die Übungen sind identisch. Und die Wirkung im Endeffekt auch. Life Kinetik verbessert die Handlungsschnelligkeit und ist konzentrationssteigernd. Diese Handlungsschnelligkeit brauche ich im Sport, aber ich benötige sie auch im Job. Wenn mein Chef mir Anweisungen gibt, muss ich reagieren können, was das für mich und meine gerade getätigte Aufgabe bedeutet. Life Kinetik trainiert außerdem die Augen. Beim Fußball heißt das, dass ich die Bälle besser einschätzen kann, im Job brauche ich die Augen, um schneller und einfacher lesen zu können. Life Kinetik hilft im Sport, aber vor allem auch im Alltag.

Wie oft sollte man Life Kinetik trainieren, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen?
Studien ergaben, dass man pro Woche 60 Minuten Life Kinetik trainieren sollte. Die Aufteilung ist dabei unerheblich. Ob einmal pro Woche die ganzen 60 Minuten, oder arbeitnehmerfreundlicher, jeden Tag 10 Minuten – das ist wirklich egal. Wichtig ist es, die Übungen in der Gruppe zu machen. Nur in der Gruppe kann ich sehen, dass nicht nur ich mich bei vielen Übungen blöd anstelle, sondern dass alle so ihre Probleme haben. Das motiviert und bietet einen erhöhten Spaßfaktor.

Das Ziel der Übungen ist nicht die Automatisierung. Wie läuft das bei dir als Profi und Trainer? Kannst du die Übungen nicht im Schlaf? Welche Auswirkungen hat das Training dann noch auf dich?
Wenn ich in einem Kurs mitmache, dann habe ich davon keinen direkten Gewinn mehr, da bei mir dann Automatismen zum Zug kommen. Der Nutzen ist aber dennoch irgendwie da, weil ich die Übungen ja auch irgendwann mal angefangen habe zu machen. Dennoch gibt es Variationen, bei denen ich mich noch schwer tue, aber die werden dann solange geübt, bis ich sie kann – schließlich muss ich sie ja im Kurs vormachen können.

20140815_191804

Es gibt sechs verschiedene Trainingsbereiche bei Life Kinetik, die durch die Übungen trainiert werden. Wie nennen sie sich und was bringen sie mir?
Es gibt drei Bereiche aus der Körperbeherrschung. Da gibt es zunächst den Trainingsbereich Bewegungswechsel, bei dem es darum geht, schnell und flüssig von einer Bewegung zur anderen zu wechseln – ohne Unterbrechung oder Pausen. Das bringt zum Beispiel im Job viel, weil ich dann gedanklich schnell von einem Telefonanruf wieder zu meiner Arbeit zurückkehren kann. Beim Fußball hilft es dagegen, sich schnell auf neue Spielsituationen einzustellen. Dann gibt es die Bewegungskette, bei der es darum geht, zwei für sich genommen relativ einfache Übungen miteinander zu kombinieren. Das spart Energie, die ich dann für andere Sachen nutzen kann. Der dritte Part ist der Bewegungsfluss. Er handelt davon, dass eine Körperhälfte eine konstante Bewegung ausführt, während die andere Hälfte plötzlich herausgefordert wird. Mal angenommen, ich habe im Spiel ein Laufduell, dann ist der Ball an meinem Fuß die Konstante, wogegen der Gegner die unbekannte Komponente ist. In der Schule wäre die Konstante das Mitschreiben und die unbekannte Komponente das Zuhören.

Darüber hinaus gibt es den visuellen Teil, der ebenso aus drei Bereichen besteht. Die Augenfolgebewegung hilft mir, die Augen von ganz links nach ganz rechts zu bewegen. Das ist gar nicht so einfach, da die Augen springen. Der fünfte Bereich ist der Sehbereich, in dem es ums periphere Schauen geht. Wenn ich zum Beispiel in einer mir bekannten Stadt mit dem Auto unterwegs bin, bin ich sehr entspannt und sehe viel mehr Details meiner Umgebung – weil ich mich nicht auf den Weg konzentrieren muss. Kenne ich mich nicht aus, lebe ich in einem Stressmoment und nehme um mich herum nicht mehr viel wahr. Im Fußball helfen diese speziellen Übungen der Spielübersicht. Der letzte trainierte Bereich ist die Augenfokussierung. Jeder Mensch hat ein dominantes Auge. Es ist daher wichtig, das weniger dominante zu fördern.

Life Kinetik hat also in vielen Bereich mit Multitasking zu tun. Frauen wird bescheinigt, darin erfolgreicher zu sein als Männer. Beherrschen Frauen dann gewisse Übungen der Life Kinetik besser als ihre männlichen Kollegen?
Ja und nein! Von den sechs Trainingsbereichen, die es bei Life Kinetik gibt, hat jeder einen Trainingsbereich, in dem er richtig stark ist und einen Trainingsbereich, bei dem er schwächelt. Das ist geschlechterunabhängig. Ob jetzt Frauen grundsätzlich talentierter sind als Männer, ist im Moment noch schwer zu sagen, da 90 Prozent meiner Kursteilnehmer (Fußballvereine ausgenommen) weiblich sind. Frauen erkennen früher, dass es wichtig ist, sich um seine Gesundheit und Lebensqualität zu kümmern. Sie sind offener.

Life Kinetik kann einer Fußballmannschaft erhebliche Vorteile einbringen. Wie verbreitet ist Life Kinetik im Profi-Sport?
Der SC Freiburg hat Life Kinetik unter Robin Dutt eingeführt. Der 1. FC Nürnberg trainiert mit Life Kinetik in seinem Nachwuchsbereich. Außerdem schwört Jürgen Klopp auf die Trainingslehre. Life Kinetik ist definitv auf dem Vormarsch, hat sich aber noch nicht ganz im Fußball durchgesetzt. Anders ist es dagegen beim Deutschen Hockeybund und dem Deutschen Handballbund. Die haben Life Kinetik offiziell ins Trainingsprogramm aufgenommen. Die Fußballer sind da eher skeptisch, was neue Methoden angeht. Da ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten, obwohl die Erkenntnis da ist, dass der Kopf eine immer wichtiger werdende Rolle spielt.

Was glaubst du: Wird sich Life Kinetik irgendwann auch im Fußball durchsetzen?
Ich glaube, ja. Jeder Verein hat heutzutage einen Fitnesstrainer, einen Konditionstrainer, einen Ernährungsberater, etc. Der Kopf ist noch einer der wenigen Bereiche im Fußball, dessen Training noch nicht perfektioniert wurde – obwohl er eine sehr große Rolle spielt. Genau deshalb wird sich meiner Meinung nach über kurz oder lang Life Kinetik auch im Fußball durchsetzen und jeder Verein einen sogenannten Kopf-Coach besitzen. Er dringt in Bereiche vor, deren Potential noch nicht vollständig ausgeschöpft wurde, die daher große Vorteile für die Mannschaften bringen und den Unterschied ausmachen können.

Vielen Dank Stefan für dieses informative und motivierende Gespräch!

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


zwei + = 11

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>