RUGBY, FRAUEN, ROSA STUTZEN

Trikottausch

RUGBY, FRAUEN, ROSA STUTZEN

04.08.2014 | 2:11 | Kerstin

Traurig, aber wahr: Rugby ist in Deutschland eine Randsportart. Während am Samstagnachmittag die Bundesliga in tausenden deutschen Wohnzimmern Programm ist und die Stadien beinahe überquellen, gibt es einen verschwindend geringen Prozentsatz an Begeisterten, die derweil auf und am Rugbyfeld stehen. Ich finde: Die Zeit ist reif, diese weitgehend unbeachtete Sportart genauer unter die Lupe zu nehmen.

Meine Erstbegegnung mit Rugby fand gewissermaßen an unserer WG-Party statt. Da saßen sie – diese fünf stämmigen Rugby-Jungs, Mannschaftskollegen meines nicht ganz so stämmigen Mitbewohners – in unserer 2×5 m-Küche und trugen auf beeindruckende Art und Weise dazu bei, die Bierpyramide im Kühlschrank zu vernichten.
Keine sechs Monate später begebe ich mich auf die Mission Trikottausch. Mein Wissen in Sachen Rugby ist mehr als dürftig. Ich kenne die neuseeländischen „All Blacks“ mit ihrem Haka-Tanz aus dem Fernsehen und weiß, dass es Punkte gibt, wenn es einer Mannschaft gelingt, den Ball hinter die Linie der gegenüberliegenden Spielfeldseite zu bringen. Nicht zuletzt trage ich das Vorurteil in mir, dass das Durchschnittsgewicht eines Rugbyspielers bei mindestens 120 kg liegen muss, weil es ja extrem hart und grob zugeht. Soweit jedenfalls meine Vorstellung.

Ich beschließe, mir ein Spiel der Rugbyabteilung der TG 1875 Darmstadt anzuschauen, um einen ersten Eindruck dieser Sportart zu bekommen und um zu sehen, ob ich mir – zumindest probeweise – das Rugby-Trikot überstreifen soll. Oder überhaupt will. Als ich an diesem Samstagnachmittag zum Spiel komme, ist bereits angekickt. Mein erster Blick schweift auf einen scheinbar wahllosen Mob, welcher sich aus den jeweils 15 Spielern der beiden Mannschaften gebildet hat. Von den etwa 40 Zuschauern an der Seitenlinie mit einem „Schieben, schieben“ untermalt, ist meine Orientierungslosigkeit perfekt. Man muss mir diese Ahnungslosigkeit ansehen, und so erklärt mir ein aufmerksamer Besucher dankenswerterweise, dass sich die beiden Teams gerade im offenen Gedränge befinden. Dieses gibt es, wenn ein Ballträger zu Boden gerungen wird und neu um den Ball gekämpft wird.

Rugby und Körperkontakt ergeben wohl eine untrennbare Einheit. Das veranschaulicht auch das Tackling: Hier greift man seinem Gegenspieler unter die Arme, um ihn davon abzuhalten, mit dem Ball zu entkommen. Bei diesem Spielzug bekomme ich sogar die Mädels hinter dem Würstchengrill mit einem „Drauf, drauf… tackle, tackle!“ zu hören, während die Reservisten das Geschehen mit einem erbosten „Wo bleibt der Support, man?“ kommentieren.
Ich lerne, dass beim Einwurf eine Gasse gebildet werden muss, in die der Ball geworfen wird. Dass es für das richtige Ablegen des Balls hinter der Linie fünf Punkte gibt. Dass dieses Ablegen im Fachjargon ein Versuch ist. Dass der Ball nur nach hinten gespielt werden darf.

Rosa StutzenMein Fazit: Hier geht es nicht nur grob zu. Agilität und Schnelligkeit sind hier ebenso gefragt wie Kraft und Masse. Umso erstaunlicher finde ich es, dass zwei Mal 40 Minuten gespielt werden, es aber nur eine etwa fünfminütige Unterbrechung gibt. In der Zwischenzeit hat sich Jenny neben mir an der Seitenlinie platziert. Sie spielt seit 2008 Rugby und hat bereits mehrere Vereinsstationen hinter sich. Sie spricht von einer „verrückt eigenen Mentalität“ beim Rugby. Und so langsam steige auch ich hinter diese Eigenheiten.
Rugby kann in Deutschland wohl kaum als Breitensportart bezeichnet werden. Umso erstaunter bin ich, als ich erfahre, dass die Darmstädter Rugbyabteilung neben zwei Herrenteams sogar eine Frauenmannschaft stellt. Dass die Frauenmannschaft für meine ersten Rugbyversuche vollkommen reicht, ist mir nach diesem Spieltag klar.

Wer nun denkt, dass Rugby aus wuchtigen Mannsweibern besteht, der irrt. Als ich an diesem Donnerstagabend im November zum „Selbstversuch“ antrete, wird mir schnell klar, dass hier alles ein bisschen mehr Mädchen ist, als man es sich in seinen stereotypischen Vorstellungen ausmalt. Da wären zum Beispiel die rosa Stutzen, mit denen sich die Frauenmannschaft präsentiert. Oder da wäre Tanja, die früher tatsächlich Cheerleaderin war. Oder Hanna, die ganze 13 Jahre Volleyball gespielt hat, bis sie zum Rugby kam. Was sie alle eint? Die Begeisterung für eine außergewöhnliche Sportart: „Man darf hier freier agieren als bei anderen Sportarten. Und man muss viel rennen.“ Tanja schiebt hinterher: „Es ist ziemlich geil, dass es für jeden eine Position gibt: Wer klein, wendig und schnell ist, kann Versuche legen. Wer mehr Masse hat, kann nicht so einfach umgetackelt werden und ist gut im Gedränge.“ Warum ihrer Meinung nach bislang eher wenige Frauen Rugby spielen? „Viele haben das Vorurteil, die hauen und kloppen sich da.“

Kerstin beim Rugby

Rugby-Atmosphäre

Diese Vorstellung hat auch mir die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Zwar bin ich nach wie vor etwas eingeschüchtert vom Herrenspiel und dem wütenden „Mob“, aber auch durchaus gewillt und überaus motiviert, es selbst zu probieren. Wir sind an diesem Donnerstag beim Training zu elft. Liegestützen, Sprints, Kniebeugen, Tackle-Übungen, das ganze Programm. Nach dem vierten von sieben Parcour-Durchgängen gebe ich auf. Das Training dauert zwei Stunden und das leisten die Spielerinnen der TG 1875 Darmstadt dreimal die Woche. Respekt!
Es ist nicht verwunderlich, dass ich am nächsten Tag alle Muskelpartien meines Oberkörpers mitsamt der Arme spüre. Für mich als Läuferin fallen die Beine da weniger ins Gewicht, bis auf ein fast obligatorisches blaues Knie und einen blauen Fleck am Oberschenkel.

Kerstin macht Liegestütze Kerstin ist stärker als man denkt

Trainerin Franzi zählt acht bis zehn Spielerinnen zum harten Kern ihres Teams. Sind bei jeder Trainingseinheit so viele vor Ort, ist sie mehr als zufrieden. Am Montag dieser Woche waren es ganze 23, weil ein „paar Küken“ zu Semesterbeginn über das Unisportangebot zum Ausprobieren vorbeigekommen sind. „Ich bin glücklich, wenn davon zwei tatsächlich hängen bleiben, nein, eigentlich wäre eine schon richtig gut“. Die Quintessenz meines Rugby Abenteuers? – Diese Sportart ist salonfähig. Wir brauchen also mehr Frauen in rosa Stutzen!

 

Fotos: Dani Hillbricht

 

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